Innovation ist doof

Weiter gehts in der viel gelesenen Reihe. Wäre dies ein Buchprojekt, hätte mein Verlag mich längst gefeuert bei den Zyklen, die ich an den Tag lege. Deshalb beginne ich mit einer Rechtfertigungs-Tirade und führe dann fort, was unabdingbar fortgeführt werden muss.

Es ist ein Jammer! Erst sucht man händeringend nach großen und gewinnbringenden Kundenprojekten. Dann findet man vor allem solche der ersten Sort, die aber leider die Eigenschaften der zweiten missen lassen. Sich nicht aufgebend und die Ratschläge kluger Freunde ausschlagend kämpft man weiter und findet schließlich dann doch den erhofften Heiligen Gral nur um festzustellen, dass Grale scheinbar die Eigenschaft besitzen, gehäuft aufzutreten und einem somit wieder die Laune zu verderben, weil man nur einen „Ein-Gral-Rucksack“ dabei hat und schon wieder nicht weiß, wohin mit dem ganzen Gegrale!

Ich will aber gar nicht jammern, weil ich ja eben sehr dankbar bin für den Luxus, keine Zeit mehr zu haben. Das Problem mit den vielen und guten Kunden ist aber, dass man plötzlich irgendwie gehemmt ist, in seinem Blog über IT-Typen abzulästern. Man gibt ja schließlich seine Blog-Adresse auch an die Kunden weiter und will nicht, dass sich da irgendwer auf den Schlips getreten fühlt. Allein schon, das hier zu schreiben, fällt mir gerade heftig schwer, weil es ja heißen würde, dass ich ein charakter-, rückrat- und überhaupt loses Stück wäre und das weise ich weit von mir.

Deshalb sei hier an all diejenigen, die ich bereits persönlich kennen gelernt habe und die das verfluchte Schicksal trotzdem zu diesem Artikel geführt hat gesagt: Ich kann Euch alle super gut leiden und wenn nicht, dann hätte ich Euch das unmissverständlich mitgeteilt und Ihr wisst es daher sowieso schon. Letzterer Gruppe geschieht es ganz recht!

Ich bin nun fertig mit meiner Erklärungsnot und widme mich meinem neuen Thema: Der doofen Innovation. Der Titel allein wird wahrscheinlich schon polarisieren und meine ohnehin spärlichen Blog-Zugriffszahlen nicht gerade erhöhen. Aber das ist nun mal das Schicksal des unverstandenen Online-Poeten und so hoffe ich einfach, dass eines Tages irgendein Archäologe oder so einen USB-Stick ausgräbt und darauf eine gespeicherte Version meines Blogs findet, um dann meine Visionskraft zu erkennen und mich und mein Blog dann in eine Vitrine zu stellen. ToDo: Stick fertig machen und vergraben!

Ich komme nun aber auf den Titel, weil ich mich heute schon wieder staunend über einem 3 Monate alten Webcast beobachten konnte. Ich sah meine Gedanken schweifen, entdeckte die Coolness hinter den Ideen des Casters und war hin und weg. Doch plötzlich und unerwartet traf mich von hinten der Erkenntnis-Hammer! „Klick es weg, das coole Zeug!“ sagte eine mir leider nicht unbekannte Stimme. Und weiter: „Es interessiert keinen! Du kannst es nicht verkaufen! Deine Kunden brauchen das noch lange nicht!“.

„Na super!“ meldet sich meine Entdecker-Stimme. „Toll gesagt. Wir müssen aber am Ball bleiben, Du Eimer!“. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich nur auf Medikamentenbasis aus der Diskussion aussteigen konnte. Mangels einer solchen musste ich aber unfreiwillig teilnehmen. Die Tatsache, dass ich noch eine dritte Stimme in meinem Kopf haben muss, die die beiden anderen beobachtet wird mir erst jetzt beim Schreiben klar und erheitert mich in eher geringem, wenn nicht gar negativem Umfang. Aber ich schweife ab.

„Red‘ ihm nicht noch nach der Fasson, Idiot“ blafft Stimme 1 zurück. „Was soll er mit dem Kram anfangen, wenn er beim Kunden sitzt? Es ihm womöglich sogar vorschlagen!?!“ (lacht heiser). „Das Gesicht beim Kunden will ich sehen!“. Das stimmt, denke ich. Ich auch. Oder eigentlich lieber doch nicht. Meine Kunden sind jetzt schon hoffnungslos überfordert! Aber wem soll ich das vorwerfen? Die Technik rennt halt und mein Haus-und-Hof-Lieferant Microsoft hält nur Schritt. Nein, sogar mehr. Endlich haben sie sich aus dem Windschatten befreit und fahren auch mal vorraus. Und da soll ich rumnörgeln? Auf keinen Fall! Aber warum zum Geier nutzt den Kram keiner?

Stimme 2 fängt sich und grätscht in die moralische Bresche: „Er muss nicht gleich alles zu Kohle machen! Lass ihn doch einfach mal seinen Horizont erweitern und sehen, was es so gibt! Und außerdem kann er es prima in seinen eigenen Projekten anwenden!“. Gut gesprochen, Stimmchen! Genau, ich habe ja auch noch eigene Projekte! Ich habe das Gefühl, meine Augen strahlen wieder, kann es aber in meinen entspiegelten Bildschirmen nicht prüfen und auf ins Bad gehen keinen Bock. Also egal, ich glaube, sie tuns!

Stimme 1 lacht nur heiser (ich muss weniger rauchen!). „Na klar! Welches der Projekte denn? Vielleicht das, wo er schon 2 Monate vergeblich nach der Möglichkeit sucht, den WPF-Tab vernünftig zu gestalten? Oder das, wo es mit der Anbindung des SAP-Services hakt? Na viel Spaß Euch beiden!“. Jetzt wirds eng, glaube ich, denn Stimme 1 grenzt sich von Stimme 2 und mir selbst ab! Verdammt! Aber Recht hat sie auch noch. Es funktioniert ja bei 3 Jahre alten Sachen nicht mal immer rund! Klar, der normale Kram, den die Leute in den Casts zeigen geht immer. Ich war ja schon kurz davor, nur noch Blogging-Apps zu schreiben, weil die bei Scott Hanselman immer laufen. Aber sobald ich den beschriebenen Pfad verlasse, haut mir mein VS sofort die flache Hand ins verdutzte Gesicht. Mal klappt das eine nicht, weil das Studio wirklich spinnt und einfach WPF-Fehler erzeugt, wo keine sind. Mal kommt nur ein Achselzucken aus der Community, weil es halt nicht geht. Und ein andern Mal habe ich mal wieder den Wald vor lauter Bäumen übersehen und schlage mir selbst 3 Monate später mit der Flachen auf die Stirn, weil ich in irgendeinem anderen Webcast plötzlich die Lösung sehe. Natürlich präsentiert der Mensch da selbige so, als hätte er bereits im Sandkasten das Modell so in die Siliziumhaufen geritzt! Schöne Schande!

„Macht was Ihr wollt!“, unterbricht Stimme 1 den aufkommen wollenden Dialog. „Aber kommt mir nachher nicht an!“. „Alter Miesmacher, dann fang doch gar nicht erst damit an.“, schmollt Stimme 2 zurück und verschwindet gekränkt im Off. Die beiden lassen mich leer auf den immer noch laufenden Webcast starrend zurück. Verdammt, was hat der Typ da die letzten 4 Minuten gesagt? Zurückspulen? Lieber nicht. Erstmal in die Küche, eine rauchen und über alles nachdenken!

Was ist eigentlich los? War das früher schon so? Wann war früher? Bin ich alt? Werde ich so, wie ich nie werden wollte? Verpasse ich einfach nur den Anschluss und will es nicht wahr haben?

Eins nach dem anderen!

Erstmal, ja, ich werde alt. Ich wollte es lange nicht wahrhaben und wahrscheinlich gedacht, ich wäre der vorletzte Highlander oder so. Aber spätestens, als der erste auf meinen Seitenkopf deutet und fröhlich quakte „Du hast ja graue Haare!“ wurde mir klar, dass was an dem „alt werden“ dran sein muss. Das Gerücht wurde zur Gewissheit, die sich endgültig manifestierte, als ich das erste mal merkte, dass man nach einer langen Nacht Rückenschmerzen haben kann. Also, ich werde alt. Und ja, es wird wohl auch so sein, dass man mit zunehmendem Alter weniger Lernbereitschaft und -kraft aufbringt, aber ich glaube nicht, dass es daran liegt! Ich will ja lernen und muss es auch die ganze Zeit tun. Also weiter.

Ich erinnere mich plötzlich daran, was ich vor Jahren mal in einem Buch über Astronomie gelesen habe. Es ging darum, zu definieren, was Zeit bedeutet. Was bedeutet es wissenschaftlich? Die Erklärung fand ich cool: Zeit bedeutet für Menschen die unabänderliche Zunahme von Entropie, also Unordnung. Es ist ganz einfach an einem Beispiel zu erläutern. Man filmt ein Ei dabei, wie es vom Küchentisch rollt und dann auf dem Fussboden zerschellt. Jetzt nimmt man den Film, macht daraus Einzelbilder, geht zu einem beliebigen Mitmenschen und streut die Einzelbilder ungeordnet auf dem Boden. Sodann eröffnet man dem Verdutzten, er möge die Dinger der Reihenfolge nach sortieren. (Man sollte einen Menschen wählen, der in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis steht, weil er sonst nicht macht. Vielleicht einen Praktikanten.) Der Kandidat wird die Aufgabe lösen können, weil er begreift, dass die Unordnung nach hinten hin zunehmen muss und das Ei nicht erst zerschellt war und dann heile. Er wird also den zeitlichen Zusammenhang erkennen können. (Schafft er es nicht, sollte man sich weiterführende Gedanken über das Abhängigkeitsverhältnis im Allgemeinen und dessen Zukunftsfähigkeit im Speziellen machen.)

Mit diesem Wissen gewappnet habe ich das auf mein persönlichen Objektmodell gemappt. Mit der Zunahme an verstrichener Zeit und der unvermeidlichen Zunahme von bereits aufgenommenen Informationen wächst unwiderruflich meine Kopf-Innen-Entropie. Gleichzeitig bin ich qua meines Seins bemüht, selbige aufzulösen, was laut Thermodynamik nur durch Hinzufügen von Energie funktioniert (Das Kinderzimmer kann ordentlicher werden, aber nur, wenn das Kind in den Busy-State wechselt und das wiederum erfordert Energie beim Kind und i.d.R. noch mehr beim Erziehungsberechtigten, sodass die Gesamtentropie der Moleküle eigentlich wächst, obwohl das Kinderzimmer scheinbar ordentlicher wird.). Ich befinde mich also in einem Teufelskreis! Je mehr ich versuche, die Dinge zu ordnen, desto unordentlicher werden sie.

Mit dem Alter kommt aber noch was anderes: Einsicht. Ich sehe ein, dass es so ist und weil ich das tue und nicht ganz bescheuert bin, füge ich mich in das Schicksal und lasse einfach Entropie zu. Mit anderen Worten, ich sehe ein, dass ich mich nicht um jeden Mist kümmern kann und lasse vieles weg. Ich konzentriere mich also auf die wesentlichen Dinge.

So weit, so gut, könnte man meinen. Aber jetzt kommt das Schlimme: Ich wollte nie so werden! Ich will forschen! Ich will cooles tun! Ich will Sachen ausprobieren, ohne den Sinn dahinter ständig in Frage zu stellen. Und ich sehe Leute im Internet, die wesentlich älter und somit eigentlich auch entropischer sind, die ganz cool die neueste Technik vorführen. Da steht einer und erklärt anhand der Beta 2 von irgendwas wie man es so umbiegen kann, dass es schon wie der RC funktioniert! Unglaublich! Er lässt Entropie für sich zu, die andere für höchstens 3 Wochen interessieren wird und ist dabei völlig tiefenentspannt. Wie kann das sein?

Ganz einfach, Mann! Der Typ macht den ganzen Tag nix anderes! Er hat keine Kunden zu versorgen! Er hat keine Timelines einzuhalten! Er ist der Typ, der Dich glauben machen soll, dass Du es auch ganz einfach haben kannst! Er wird für den Eindruck bezahlt! Ja, genau so einfach ist es und es wird mir auch mittlerweile immer wieder bestätigt. Diese Erkenntnis ist auch der Grund, warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe!

Ich will, dass auch andere aufwachen und aufhören, an sich zu zweifeln! Es ist cool, zu glauben, man würde nichts wissen! Ich habe oft mit Kunden zu tun, die glauben, sie würden .NET oder irgend etwas anderes nie verstehen, weil sie bei Reflection aussteigen. Wenn sie dann lesen oder hören, dass das ganze alter Kaffee ist, drehen sie halb durch und sehnen sich nach ihrem alten Kram zurück, eben weil der nicht weiter gepflegt wird. Dort haben sie alles ausgelotet! Dort waren sie Helden! Und ich kann das verstehen! Wie war es denn damals, mit VBA?

Wir hatten keine halbjähtlichen Releases! Das höchste der Gefühle war, dass MDAC von 2.7 auf 2.8 schoss, aber was genau da passierte, war auf 2 Anstrichen erklärt und gut. Ich habe immer noch das herrlich unproduktive Access benutzt. Ich habe gebundene Formulare verwendet, bis der Arzt kam. Ich habe eine Selters-Flasche kopfüber auf die Shift-Taste gestellt, weil ich beim Aufräumen einer 2GB-Access-Datei auch mal auf Toilette musste. Ich habe die Maus kilometerweit über den Tisch gestoßen, weil das Interface schrottig war. Aber ich hatte halt auch das Gefühlt, alles unter Kontrolle zu haben! Ich wusste genau, wo es eigentlich nur haken konnte, wenn Fehler 90 als graue MessageBox beim Drucken kam! Ich hatte sogar die meisten Fehlercodes in der Rübe. Nichts konnte mich überraschen und die Access-Guru-Seiten habe mich nur müde lächeln lassen. Nix da, Webcast. Mit welcher Leitung denn auch? Her mit der MSDN von vor 2 Monaten und in Ruhe gelesen, den Mist! Ahh, das mache ich sowieso schon, na denn!

Und heute? Anwendungen, die gestern einwandfrei vom IIS auf den IE kamen, sehen plötzlich anders aus, weil der IE jetzt Version 9 hat. Webservices quatschen aneinander vorbei, weil im Backend ein Update seine gierigen Zähne in die Schnittstellen gegraben hat. Ein „Update-Package jQuery“ lässt mich staunend auf meine ausstehenden Änderungen im TFS glotzen, denn wer hätte gedacht, dass ein so harmloses Kommando solche Reaktionen hervorrufen könnte? Mein im Januar gestartetes MVC2-Projekt ist im März veraltet, weil MVC3 da ist und man jetzt rasiert, statt zu aspxen.

Die Kunden erwarten mehr, wir erwarten mehr und wollen mehr mitreden und nun haben wir den Salat, weil keiner gedacht hätte, dass es ein Laden, wie Microsoft schaffen würde, sich so derart zu wandeln. Alle haben den Supertanker angeschrien. „Du kannst das nicht und jenes schon gar nicht, Du Riesenrindvieh!“. „Du bist träge, guck Dir das wendige OpenSource-Rennboot da hinten an!“. „Ich fahre jetzt mit dem schicken Java-Liner da hinten, machts gut!“ und so weiter. Keiner hätte gedacht, dass die Typen mitschreiben! Haben sie aber. Und wie! Sie schrieben und sahen sich den ganzen Kram an. Dann taten sie das aus ihrer Sicht einzig logische: Sie kauften alles und jeden, was ihnen im vorher im Weg stand. Sie machten alles richtig. Und nun schütten sie die ganze Ladung aus.

Jetzt grinsen sie oben an der neu lackierten Supertanker-Bordwand. Jetzt sehen sie sich an, wie wir kaum noch „Danke!“ japsen können, weil wir viel zu beschäftigt sind, uns die ganzen runtergeworfenen Innovationen anzusehen. Man weiß gar nicht mehr, was man machen soll und nicht wenige suchen ihr Heil in der Flucht nach vorn. „Los, wir posten das als Nuget-Package!“. Klasse Idee, ihr Superhirne! Inzwischen gibt es für jeden Kleinkram irgendein Package und allein die auszuprobieren sollte ein Master-Studium füllen können. Blödsinn, aber der Autor des Paketes kann sich beim Einschlafen wohl beruhigen, denn er hat ja auch was online. Das adelt ihn sozusagen und hebt ihn aus der Masse raus. Frei nach Steven Hawking, der die Definition des Begriffes Berühmtheit in der ihm eigenen Trockenheit mit „Berühmt ist man, wenn einen mehr Leute kennen, als man selbst.“ (frei zitiert) eine neue Dimension verliehen hat. Man könnte diese Definition nun anwenden in „.NET-Entwickler ist man, wenn man mehr Nuget-Packages released, als man installiert hat.“.

Ich sage, wir sollten uns alle wieder beruhigen und die Jung-Spunte machen lassen. Auch hier wird sich schon wieder eine Sättigung einstellen. Ich sehe mir die Sachen jetzt einfach aus größerer Entfernung an und sortiere meine Link-Sammlung neu. Ich verlasse mich einfach auf weitaus weniger Buddies im Internet und wenn, dann nur auf die, die auch nachweislich was Produktives leisten. Es gibt neben dem ganzen Schnick-Schnack auch viel Gutes zu entdecken. Also frisch ans Werk!

Ganz nebenbei: Wer, wie ich, mehr als eine Stimme in seiner Brain-Collection sein Eigen nennt, der sollte damit nicht so öffentlich umgehen, wie ich. Bringt nix! Man wird belächelt und nur die Hälfte des gasgten Ernst genommen. Ist aber auf eine andere Art cool. Das jedoch beschreibe ich in einem der nächsten Posts. Bei meinem derzeitigen Rhythmus wahrscheinlich gegen Herbst 2012 oder so. Dranbleiben!

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