Innocillin

Was Rhesus-Äffchen aus dem Samstag eines unbescholtenen Beraters machen können.

10:00 Uhr – Der Tag beginnt. Aus irgendwelchen nicht mehr klar herauszuarbeitetenden Umständen heraus bin ich bereits jetzt erwacht. Das lässt meine antrainierten Sinne sofort nach einem wissenschaftlichen Prüfungen standhaltenden Grund für derart abstoßend normales Verhalten suchen. Habe ich einen Termin verpennt? Das wäre die logischste Annahme und allein der Gedanke lässt meinen Puls auf 210 ansteigen. Schnell aus dem Bett raus, Socken an, frische Unterhose, Hemd vom Wäschestapel … Moment mal! Wieso ist das so ruhig hier? Warum hat das blöde Handy noch keine nervigen Doppel- und Dreifachanrufe mit Hiobsbotschaften angezeigt? Ist heute etwa Samstag? Kann das sein? Wie bekomme ich das raus? Ach ja, das iPhone zeigts ja an! Tatsächlich, Samstag.

10:02 Uhr – Soll ich wieder ins Bett? Mein Puls ist immer noch bei 160. Lieber nicht unter 100 abfallen lassen und erstmal ’ne Tasse Kaffee anschmeißen. Essen? Keine Lust – erstmal eine rauchen und in Ruhe über alles nachdenken.

10:14 Uhr – Die Kaffeemaschine blubbert ankündigent vor sich hin. Während ich so dasitze und verdaue, dass ich heute all das machen könnte, was ich sonst nicht mache, fällt mein Blick auf die iX, die da seit einer Woche ungelesen und vor Frische prall aussehend im Fensterbrett liegt. Na schön! Ein kurzer Blick wird ja wohl drin sein. Hab‘ ja eh grad nix Besseres zu tun. Aha: das .NET Framework 4.5 kann jetzt auch ohne Neustart installiert werden. Toll! Und weiter: Die Console kann jetzt UTF-16  und die ZIP-Komprimierung ist besser und … Ah! Da ist ein Link zur MSDN. Da muss ich als .NET-Berater eigentlich mal nachsehen.

10:21 Uhr – Die neue SSD im Notebook bootet echt fix. Der Link ist schon eingegeben und es erwartet mich ein schierer Überfluss an Neuerungen. Mal abgesehen vom .NET Framework selbst ist auch das VS 11 komplett neu und vom neuen SQL-Server wollen wir gar nicht erst anfangen. Das wird meine Kunden interessieren! Was nun? Es ist halb 11. Das schaffe ich!

11:30 Uhr – Die 100-Mbit-Leitung hat alles gegeben und es liegen alle ISOs von Windows 8, VS 11 und SQL Server 2012 auf meiner Platte. VMWare startet schon und ich beginne die Prozentbalken-Tirade. Ich brauche unbedingt weitere Kippen, das kann dauern hier. Also los, VMWare arbeitet ja auch ohne mich.

11:45 Uhr – Mein Wagen hat es nicht bis auf Betriebstemperatur geschafft auf dem 600-Meter-Weg zur Tankstelle und zurück. Ich schäme mich ein Bisschen. Das Gefühl weicht aber sofort tiefgreifendem Zorn, als ich sehe, dass VMWare mit irgendeiner blöden ISO-Meldung nicht weiter gekommen ist. Mist! Also nochmal von vorn und diesmal sauber. Beim zweiten Mal wird eh alles besser.

12:15 Uhr – Mein Rücken tut weh, weil mein Küchentisch nicht wirklich für langes Arbeiten ausgelegt ist. Ich wollte ja eigentlich auch nur mal kurz …. Aber jetzt ist es zu spät. Bevor ich die Gigabytes auf meinen großen Arbeitsplatz transferiert habe, würden über wieder 30 Minuten ins Land gehen. Außerdem kann ich nur in der Küche rauchen. Also durchhalten!

13:00 Uhr – Gut, dass ich meiner VM 8 GByte RAM spendiert habe. Bei noch weniger wäre das blöde Ding von VM jetzt gar nicht mehr bedienbar! VS braucht gut 30 Sekunden zum ersten Start. Denali hämmert auch noch in den Register-Synapsen rum und Windows 8 hätte ich mal lieber weg gelassen. Ob der Server davon besser läuft? Egal, zu spät. Wie machen das eigentlich die Freaks von MSDN und Channel 9, frage ich mich. Bekommen die fertige Images für virtuelle Maschinen oder verbraten sie gleich ein komplettes Testnotebook für ihre Demos? Tagträume von gestapelten Dell Precision Notebooks in der Microsoft-Kantine kommen in mir hoch: Du willst mal testen? Na klar! Nimm Dir noch eins, Scott! Sind doch genug da!

14:00 Uhr – Zurück zum MSDN-Artikel. Jetzt mal schön der Reihe nach! Visual Studio kann ich beim Gebrauch kennen lernen. Also stürze ich mich ans Framework. Cool! Eine neue ASP.NET MVC-Version ist auch schon dabei. Alter! Was sind denn das für coole Features beim Debugging! Das ist genau das, was ich immer gebraucht habe! Blöd nur, dass die virtuelle Maschine so schlecht performed! Aua, mein Rücken!

14:30 Uhr – Mein Kumpel ruft an. Fussball? Jetzt? Nee, wird nix. Ich muss noch arbeiten. Muss ich wirklich, denke ich noch ganz hinten in meinem Kopf, aber die Vernunft wird schnell durch mein gerade gestartetes MVC-Projekt betäubt. OK, also wie könnte ich jetzt aus meiner MVC-Anwendung heraus direkt zippen und den Vorgang AJAX-mäßig darstellen ohne einen Page-Request zu erzeugen? Das wäre doch auch gleich ein ganz guter Artikel fürs Blog und würde meine Besucher sicher interessieren. Also los! Kann ja nicht so schwer sein!

17:30 Uhr – So ein Mist! Mein Firefox hat 20 geöffnete Tabs, aber der Schrott, den die Leute da schreiben bringt nichts. Liegt wahrscheinlich daran, dass die Technik noch zu neu ist. Jedenfalls klappt es nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich bekomme einfach keine Information über den Fortschritt einer laufenden Kompression und irgendwie zerhaut ein irgendwo falsch gesetztes Encoding meine Datei. Das 2-MB-Bild (muss ja auch was zum Rechnen bekommen) ist nach dem Vorgang keins mehr, sondern verwandelt sich in eine sinnlose Bit-Wolke.

18:00 Uhr – Keinen Bock mehr! Das blöde Bild will einfach nicht richtig komprimiert werden. Für neue Tests fehlt mir der Elan. Mache ich nun einen Artikel mit den Gründen meines Scheiterns daraus? Dann müsste ich meine ganzen 1200 Schritte bis jetzt aber wieder aus dem Gedächtnis ziehen. Auch blöd. Ich guck mal, was die MSDN noch so sagt. Nur lesen, nicht coden!

20:00 Uhr – Ich habe wieder Energie! Ein paar Sachen aus der MSDN haben tatsächlich funktioniert. Ich habe auf Denali gewechselt und bekomme es doch tatsächlich hin, dass der SQL Server ein Dateiverzeichnis permanent überwacht und neu hinein geschriebene Dateien sofort binär in Tabellen rein holt. Daraus könnte man ein cooles Tutorial machen! Das ist nützlich! Meine ganzen Log-Dateien auf dem gehosteten Server könnten aus dem Dateisystem raus und in die SQL-Server-Sicherung rein! Das wär doch cool!

20:10 Uhr – Wird nix mit der Sicherung. Der blöde Hoster hat noch keinen Schimmer von Denali und für noch einen neuen Hosting-Vertrag habe ich keinen Bock. Ich kann doch aber nicht ewig mit virtuellen Servern rumspielen! Ich merke mal wieder, dass man als Technologie-Berater nicht um eine kleine Server-Farm im eigenen Heim herum kommt. Cloud bringt da gar nix außer lustigen Erlebnissen bei der Abrechnung, weil irgendein verstecktes Server-Feature die IaaS-Instanz zuverlässig aus dem Tiefschlaf holt. Was wohl die Stadtwerke dazu sagen, wenn ich frage, ob ich einen Kraftstromanschluss in meinen Keller haben kann? Und erst meine Hausrat! Beim Gedanken an die Nachbarn und ihre Suche nach der Quelle des infernalischen Lüfterlärms muss ich sogar kurz lächeln. Geht also auch nicht. Aber wie dann? Ich kann doch nicht warten, bis irgendein Projekt beim Kunden soweit ist! Unruhe.

20:45 Uhr – Ich rufe meinen Kumpel an. Der hat immer gute Ideen. Er klingt irgendwie müde oder abwesend. Ob er eine Idee für Server-Hosting hätte? Nein, keine Cloud. Echte Server. Ach, das habe ich vor 2 Wochen schonmal gefragt? OK, vergiss es! Was er wohl gerade tut? CounterStrike? Gute Idee! Lange nicht gemacht. Wie ist Deine IP? Und Teamspeak? Alles klar, bin gleich online!

21:05 Uhr – Ich bin drin. Wir sind im Office und jagen die Terrors durch den langen Flur. Parallel dazu versuche ich, abgehackt durch zwischenzeitliche Stress-Sequenzen im Spiel, meinem Kumpel meinen Plan zu erläutern. Das Team hört mit. Es schalten sich andere ein. Der eine meint, dass das anachronistisch ist. Man nimmt keine eigene Hardware mehr. Ich versuche ihm klar zu machen, warum nicht alles virtualisiert werden kann und sterbe dabei, weil ich einen Moment nicht aufgepasst und diesen blöden Flur betreten habe, ohne eine Blendgranate reinzuwerfen. Ein anderer empfiehlt irgendeinen dubiosen ukrainischen Hoster. Der koste nicht viel und bringt richtig Performance auf die Bahn. Ich frage, was der Empfehlende namens Dude1990 da so laufen hätte. Aha, einen Game- und einen Teamspeak-Server. Er hat also nix kapiert. Was frage ich auch 22-jährige CounterStriker mit „Dude“ im Namen nach Erfahrungen?

23:50 Uhr – Ich bin durch! Mein Kumpel ist seit 10 Minuten raus aus dem Game und ich fühle mich immer noch nicht schlauer. Dafür ist mein Rücken breit, meine Finger wollen kein Blut mehr rein lassen und sind kalt und taub und meine Birne dröhnt. Noch eine letzte Kippe und ein Fazit des Tages.

23:55 Uhr – Ich habe nichts erreicht. Naja. Ich habe Windows 8 gesehen und weiß nun, dass es Schrott ist. Das kann unmöglich der Ernst von Microsoft sein und ich hoffe, die Jungs fangen sich noch, bevor sie das Teil auf den Markt bringen. Sonst muss ich doch noch Linux auffrischen :-(. Denali ist cool, keine Frage. Ich kanns aber nicht anwenden. Alle meine Instanzen (und das sind nicht wenige) sind entweder gehostet oder systemkritisch. Ich kann also nicht einfach updaten oder der Hoster ist mal wieder 3 Jahre hinterher. Ich solle mal einen Artikel über die Verfügbarkeit von Microsoft-Servern bei deutschen Hostern schreiben und frage mich mal wieder, was die Redmonder reitet, jede kleine Firma am Markt zu kaufen, aber keine Server-Hoster dazu zu nehmen, damit Web-Deploy endlich mal angewendet werden kann.

VS 11 ist sehr cool. Ich würds gern außerhalb meiner virtuellen Maschine testen, um in den Genuss mehrer Monitore zu kommen. Leider ist hier das Risiko zu hoch, mir meine Produktiv-Systeme kaputt zu machen. Also warten!

Ich hätte mir den kompletten Tag schenken können. Es war, wie es immer ist. Eine Innovation kommt heraus und alle Medien und Blogger und Zwitscherer erzeugen den Eindruck, dass man es eigentlich schon nutzen sollte. Auf Channel 9 quatschen die Doofen von nix anderem mehr, als dem neuen Kram. Die MSDN sieht inwzsichen selbst wie eine Metro-App aus und ein neues Windows Phone jagt das nächste. Bei stackoverflow gibts plötzlich Leute, die in einer Antwort auf eine Frage zu einem noch nicht mal veröffentlichten Produkt Links zu anderen Postings bringen, wo das schon vor 3 Wochen diskutiert wurde! Hat das mit der Zeitverschiebung zu tun oder bekommen wir hier in Europa weniger Informationen? Das würde aber wiederum bedeuten, dass z.B. Rumänien bevorzugt durch Microsoft informiert wird, was ich mir auch nicht erklären könnte.

Was wir brauchen, ist Medizin! Wir brauchen ein Mittel (ich nenne es Innocilin), das wir den Marketing- und Entwicklungs-Abteilungen in den Kaffee oder Mate-Tee (oder was immer die heutzutage so trinken) mixen können. Diese Leute kommen mir langsam vor, wie Rhesus-Äffchen auf Speed. Das schlimme ist, dass die Innovalitis scheinbar hoch ansteckend ist und eine erschreckend kurze Inkubations-Zeit besitzt. Leute steigen heute nicht mehr in die IT ein, um Systeme zu programmieren, sondern weil sie Kinect so cool finden, dass sie es am liebsten im Hauptstudium behandeln würden. Ich werde mich nicht wundern, wenn eines Tages ein Bachelor im Kinecting verliehen wird!

Ich als Berater habe jedenfalls bei all dem das Nachsehen. Ich muss den ganzen Kram wendigstens bewerten. Um das aber richtig tun zu können, muss ich eine zeitlang damit arbeiten! Das bekommt man zwar nicht direkt entlohnt, man kann aber seine Kunden besser beraten und daran hindern, irgendwelchen Stuss zu evaluieren, der nur Rhesus-Äffchen auf Speed gewinnbringend erscheint. Ehrlich Leute: beruhigt Euch alle und nehmt endlich Eure Pillen!

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