Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

Manchmal trifft man auf Leute, bei denen man wirklich nicht verstehen kann, was sie dazu verleitet, bestimmte Dinge zu tun. Ich habe ein Buch gelesen und gedacht: „Wie kommt der Mann darauf, sich zu trauen, sowas zu machen?“. Von diesen und anderen Gedanken handelt dieser Beitrag.

Ich habe da so ein Regal, ein ganz spezielles. Es beherbergt, wie andere Regale bei mir auch, eine Menge Bücher. Derzeit sind es etwa 10. Manche liegen schon seit Monaten da und die Betonung liegt hier auf „liegen“. Es handelt sich um mein „Noch-zu-lesen“-Regal und deshalb liegen die Bücher da. Das mache ich, damit mir die Büchlein immer schön ins Auge fallen, weil sie nicht, wie ihre bedruckten Kumpels in den anderen Regalen locker aneinander gelehnt dastehen dürfen und dem geneigten Betrachter scheinbar zurufen: „Ich bin gelesen! Ich hab’s geschafft!“. Aber das, was ich heute daraus lesen musste schlägt echt alles an schlechter Fachliteratur, was ich bisher vor die Augen bekam. Gleichzeitig hat es mir aber auch die Augen geöffnet und ich habe wunderbarer Weise eine Technik entwickelt, gute von schlechten Büchern zu unterscheiden. Aber eins nach dem anderen.

Also der Reihe nach. Eines schönen Tages saß ich so da und entschied, dass es an der Zeit wäre, mehr über das Entity Framework zu erfahren. Also fröhlich auf amazon.de und meinen üblichen Auswahlprozess gestartet. Erstmal nix von Microsoft Press, weil man da eine höchsten 50%ige Chance hat, keinen Marketing-Blödsinn zu bekommen. Was eigentlich immer hinhaut sind Wrox und Apress. Apress hat den entscheidende Vorteil, dass auf dem Rücken immer schön dargestellt wird, in welchem Kontext sich der Titel befindet.

Da ich wie gesagt, erstmal anfangen wollte und ich (wie bestimmt auch viele meiner Berufskollegen) niemals auf die Idee kommen würde, mit den Noob-Büchern der Anfänger-Klasse zu beginnen, nehme ich eines der Bücher aus der mittleren Kategorie. Der Titel: „Pro Entitiy Framework 4.0“. In meiner Arroganz entscheide ich, dass diese Auswahl genügen muss, zumal mich der angebotene Preis von 54 $ zusätzlich davon überzeugt, dass das kein Schrott sein kann. User-Bewerungen spielen keine Rolle, weil die sowieso meist gefaked sind und reinlesen will ich nicht, weil ich das ja machen möchte, wenn das Buch da ist. Man mag angesichts des noch Kommenden sage: „Selbst Schuld, Du Idiot! Informiere Dich doch vorher!“. Dem möchte ich aber vehement widersprechen!

Ich lese ca. 2 Fachbücher pro Monat. Dazu kommen noch 1 x MSDN-Magazine, 2 x c’t, 1 x iX, 10 Blogs einmal am Tag, stackoverflow und was weiß ich. Wenn ich jetzt noch „Blick-ins-Buch“ bei Amazon dazu nehmen würde, dann hätte ich keine Synapsen-Kapazitäten mehr für mein normales Leben. Ich empfehle bei diesem Pensum übrigens dringend, sich zusätzlich noch normale Literatur anzutun, weil man sonst nur noch objektorientiert kommunizieren kann, aber das ist eine andere Geschichte.

Im Ergebnis landete also das Buch von Scott Klein in meinem Warenkorb und hierdurch wiederum unweigerlich in meinem Liege-Regal. Dort blieb es bestimmt 5 Monate. Bis gestern. Da nahm ich es mit auf Dienstreise und habe es in den letzten 3 Stunden gelesen (wenigstens größtenteils).

Nach spätestens 2 Stunden setzte ein Prozess ein, der mich dazu trieb, diesen Artikel zu verfassen. Ich bin ca. bei Seite 100 von 250 und lese plötzlich zum wiederholten Male das Wort Singleton in einem gänzlich wirren Zusammenhang. Nun muss man nicht gleich beim ersten Anzeichen von geistiger Umnachtung eines Autors anfangen, den Schädel hin und her zu werfen. Das Problem war nur, dass Singleton hier der letzte Tropfen im zu Anfang leeren Fass war.

Scott hat sich zunächst einmal dazu entschieden, sein Buch zu einem lese-psychologischen Expirement zu machen. Um dies möglichst facettenreich werden zu lassen, hat er auf alle bereits bewährten Papierformate gefpiffen und sich gedacht, dass ein breites Buch mehr Platz für Text lässt. Das ist zunächst einmal true. Wenn ich nun aber auf Times New Roman 10 und einfachem Zeilenabstand bleibe, dann wird selbst das geneigteste Auge irgendwann irre, zumall Scott und seinesgleichen keinen Pfifferling auf saubere und durchgehende Formatierung legen. Außerdem nutzt er den entstandenen Platzvorteil konsequent nicht aus und hat lieber einen doppelt so breiten Rand, wie übliche Titel. Gute Idee, wenn man 2 m² Hände hätte!

Weiter gehts mit der Tatsache, dass Scott von den Seiten 14-31 (und auch auf weiteren) seine Berufung darin sieht, uns die Dialoge des Visual Studio, die mit dem EF zu tun haben, Schritt für Schritt auseinander zu klamüsern. Das liebe ich sowieso! Rezept, einen völlig entnervten Pro zu bekommen: Mach Screenshots und schreibt gerade soviel Text dazu, dass man befürchtet, durch Überlesen wichtige Infos nicht zu erhalten, um dann nach jedem Absatz festzustellen, dass dies nicht der Fall gewesen wäre. Super spannend!

Es geht aber noch weiter, denn Scott hangelt sich unverzagt weiter an den Rändern des eigentlich Themas entlang. Der Titel-Bestandteil „Pro“ wird mit schlafwandlerischer Sicherheit komplett nicht angesprochen. Immer dann, wenn man z.B. wissen möchte, wie ein EntityContext intern aufgebaut ist, biegt Scott schnell ab und beschäftigt sich rasch mit einem anderen oberflächlichen Thema. Ein Verdacht drängt sich auf: Scott hat keine Ahnung!

Ab besagter Seite 100 habe ich die Nase erstmal voll und will meinem Agressor ins Angesicht schauen. Also zurück zum Beginn und in die Autoren-Darstellung gesehen. Da steht zunächst einmal etwas über Scott. Scott kommt aus der SQL Server-Ecke und ist in diesem Bereich vielleicht eine Leuchte. Auch erklärt dies instantan die ständige und tatsächlich virtuose Verwendung des SQL Profiler. Was es leider nicht erklärt, ist, wie Scott darauf kommt, ein so code-lastiges Thema als das Seine zu erkennen. Aber weiter.

Scott ist dem Auszug zufolge über seine Fähigkeiten hinaus vor allem dadurch zu qualifizieren, dass er er im Süden Floridas DIE Instanz in Sachen Usergroups für SQL ist. ICh persönlich glaube erstmal, dass das in einem sonnenerfüllten Landesteil keine so riesige Kunst ist, aber wissen kann ich das nicht. Er trägt eine Menge MC-Titel mit sich herum und da wir alle wissen, was das allein über einen Entwickler aussagt, sollten wir uns fragen, was es zu bedeuten hat, wenn Apress meint, es in Scotts Beschreibung derart ausführlich einfließen zu lassen.

Wenn also die Beschreibung nichts sagt, was kann uns dann vielleicht das von Scott gewählte Abbild an Infos geben? Hier wird es nun interessant und natürlich auch hoch spekulativ, aber das Recht zu spekulieren, hat mich ja auch 54 Kröten gekostet. Man sieht Scott vor einem Haus, das von Palmen eingerahmt zu sein scheint. Das macht angesichts von Süd-Florida Sinn und ich schließe daraus, dass Scott eins seiner Grill-Fotos zurecht-geschnitten hat. Die Party freilich war nicht so der Burner, denn Scott schaut drein, als hätte er eine Minute vorher erlebt, wie ihm ein ganz normaler Florida-Nachmittag-Hurricane seine USB-Festplatte mit der ersten Version des Buches samt der umgebenden Etage weggefetzt hätte. Er guckt wie einer, der nicht will, dass man sein Buch aufgrund seines Anblickes kauft.

Ich fühle mich ein wenig unwohl, weil ich nicht weiß, wie ich jetzt weiter vorgehen soll. Ab jetzt habe ich immer Scotts unwirschen Blick vor mir und traue mich fast gar nicht mehr, kritisch zu sein, weil Scott aussieht, als hätte er ganz andere Sorgen, als meine Kritik. Da kommt mir ein Gedanke! Wer hat Scott geholfen? Wie so oft im Leben, so hilft auch hier einfaches Umblättern im analogen Wissensstoff weiter. Darf  ich vorstellen: Vidya Vrat Agarwal!

Vidya kommt erheblich freundlicher daher. Sehr sympatisch ist schonmal sein offensichtlich amteurhafter Versuch, sein Antlitz vom fotografischen Hintergrund zu trennen. Dieser endet leider damit, dass ich Vidya im echten Leben nicht erkennen würde, es sei denn, er hätte etwas Rechteckiges auf dem Kopf. Aber egal, er soll ja kein Foto-Spezi sein. Was aber ist er? Zunächst einmal der sog. Technical Reviewer. Diese Erkenntnis lässt mich den freundlichen Vidya sofort in einem anderen Licht sehen, denn es bleiben angesichts der gedruckten und bezahlten Tatsachen nur 2 Alternativen. Entweder ist Vidya stinkend faul und hatte keine Lust, Scotts Kram durchzusehen oder er hat genauso wenig Ahnung wie Scott. Beides wüde ihn in meiner Achtung extrem sinken lassen.

Was kann Vidya denn so? Das erste Attribut ist schonmal cool: da steht er ist ein .NET Purist. „Purist“ ist ein ähnlich herrliches Wort, wie Evangelist. Überhaupt sollten Technik-Freaks keine „isten“ sein. Es gibt Terroristen, Poly- und Monotheisten, Sozialisten, Faschisten aber nur wenige grundsätzlich positiv behaftete „isten“, wie beispielsweise die mit „Pazi“ davor. Ich denke also ein wenig darüber nach, wie man zu einem .NET-Puristen werden könnte und das Einzige, was mir einfällt ist, dass man außer .NET nix anderes kann. Ich möchte dies Vidya nicht unterstellen, aber dann bitte auch mit sowas, wie „.NET Universalisten“ angesprochen werden, wenn das geht. Lesen wir aber weiter in Vidyas Abriss.

Auch er schmückt sich mit allerlei MC-Orden, die zu einem großen Teil gar nicht mehr vergeben und daher eigentlich auch nicht mehr gültig sein dürften. Aber egal, erworben ist erworben! Außerdem ist Vidya ein Mitglied von „Computer Society of India“, was lustigerweise mit „CSI“ akronymisiert wird. Die Webseite heißt tatsächlich www.csi-india.org, Dafür von mir ein kräftiges Doppel-LOL! Jedenfalls hat Vidya auch was in .NET veröffentlicht. Leider war aber nur VB dabei, was einen sofort aufmerken lassen sollte. Ich möchte VB nicht schlecht reden, sondern die Leute, die es immer noch als den heiligen Gral hinstellen. Ich selbst habe unter Schmerzen den Wechsel zu C# gemacht, weil ich begriffen habe, dass .NET VB nur mitschleppt. Ich weiß immer noch nicht so recht, was das mit VB.NET soll und nun also Vidya, der ein Buch reviewed, in dem nicht eine VB-Zeile steht. Zumindest erkärt das die vielen falschen C#-Zeilen und Framework-Irrnungen (Scott meint, eine Methode xyc() hätte einen Konstruktor!!!!)

Zwischenbilanz: Ein mürrischer, süd-floridanischer SQL-Experte schnappt sich einen Quoten-Inder mit VB-Background und sonst nix, um ein Buch zu reviewen, dass er zu einer .NET-Framework-Technik schreiben will, von der er keine Ahnung hat. Er haut einfach viele Bilder rein, die in mindestens 1654 Blogs hoch und runter kolportiert werden (inkl. meinem), würzt das mit sinnfreien, weil aus der MSDN entlehnten Texthüllen und umgeht jeglichen Bereich, der Tiefenwissen vermitteln würde todsicher. Trotzdem nennt er das 250-Seiten-Hämpflings-Werk „Pro EF 4.0“ und haut es zum Preis von wirklich guten Titeln unter die Leute!

Ich sage: Scott Klein hat mich und andere Käufer betrogen. Die 54$ sind geschenkt. Das Teil lag monatelang da in meinem Regal und bescherte mir ein 254-Seiten-Schlechtes-Gewissen, hat mir 3 Stunden wachsenden Blutdruck verpasst und sorgt nun für 1 Stunde Tipparbeit, die ich als Dienst an der Menschheit verstanden wissen will.

Ein Gutes hat es aber doch: Ich habe neue Kriterien für meine Buchauswahl:

  1. Keine Bücher von Leuten, die sich fantasielos aus irgendeinem unpassenden Hintergrund heraus ablichten lassen, dabei unfreundlich wirken und überhaupt nicht cool wirken.
  2. Keine Bücher mehr von Amerikanern, die sich von indischen Puristen Schützenhilfe geben lassen.
  3. Keine Bücher, bei denen die Auflistung der MC-Erfolge des Autors mehr als 10% seiner Beschreibung ausmachen.
  4. Keine Bücher in abweichenden Formaten.
  5. Ignoriere die Skill-Einteilung von allen Verlagen auf dem Rücken.
  6. Das Seiten/Preis-Verhältnis muss mindestens 10 Seiten/$ betragen (Das sieht im Steh-Regal wenigstens wichtig aus!)

Was man vielleicht auch daraus ziehen kann ist, dass man einfach mal ein Buch veröffentlicht. Ich sähe meinen Namen gern auf einem Titel, der sich mit quantenphysikalischen Themen auseinander setzt. Das Schöne daran wäre, dass eigentlich nur eine Handvoll Leute merken würden, dass ich keine Ahnung habe, wie Scott. Ich glaube, ich überlege mir das und stelle den Buchdeckel ggf. rechts in meinem Blog dar. Das kommt immer gut!

2 Antworten auf „Schuster, bleib bei Deinen Leisten!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.