Zwischenwelten

Dieser Beitrag für meine Columne „CSV rules“ soll sich mal mit dem zunehmenden Virtualisierungs-Wahn beschäftigen. Ich habe mir mal eine Weile selbst über die Schulter gesehen und bringe nun meine nicht eben erheiternden Gedanken zum virtuellen Papier.

Alles fing damals ganz harmlos an. Ich bekam irgendwann mal ein VmWare zu sehen und wusste nicht so recht, was das alles sollte. Es war zwar aus Sicht eines Nerds, wie mir, schon irgendwie nicht ohne, ein Windows-Startlogo und die Taskleiste eines anderen Windows zugleich zu sehen, aber so richtig fluffig war das alles nicht. Treiber fehlten, alles war irgendwie doch komplett anders … naja, Spielkram eben, aber nett.

Weiter gings mit der ersten Remote-Desktop-Sitzung. In den Tiefen des seltsamen Menus „Zubehör“ versteckte sich da in Windows XP ein Programm und wenn man es startete, wusste man überhaupt nicht, was das soll? Ein Kumpel meinte: „Da gibst Du die Adresse eines anderen Rechners ein und dann kannst Du auf den Desktop von dem drauf!“. Aha! Aber welcher Rechner, verflucht? Ich hatte ja gerade mal den einen, über Internet gings nicht, weil zu langsam und auf Arbeit war nix mit RDP-Freigabe auf einen Server. Sinnlos, dachte ich und vergass das Ganze wieder.

Aus heutiger Sicht habe ich dann wohl irgendwie ein Erinnerungsloch. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass sich an diesen Einstellungen irgendwie langsam was geändert hätte. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass ich an irgendeinem Tag aufgewacht wäre und dachte: „Jetzt ’ne RDP-Session, das wärs!“. Und dann habe ich das anscheinend irgendwie gemacht. Das gleiche gilt auch für VmWare. Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich ohne machen würde. Ich könnte nicht mal hier bloggen, weil ich jedesmal eine meiner (inwzischen 3) Maschinen pletten müsste, um irgendwas Neues auszuprobieren. Ich habe inwzwischen ein Tool für VmWare-Datei-Parsing programmiert, damit ich irgendwie einen Überblick über die verdammten Images auf meiner USB-Platte behalte!!! Unglaublich.

Nun könnte man denken, dass auch dies wieder eine dieser hübschen Erfolgsgeschichten der neuen Welt ist. Leider nur aus technischer, nicht aber aus persönlicher Sicht. Ich wage sogar zu behaupten, dass vor allem RDP nicht unerheblich zu dem grässlich selbstverständlichen ubiquitären Menschenbild beiträgt, dass ich inwzsichen abgebe. Aber ich greife vorweg.

So ein typischer Arbeitstag geht natürlich erstmal mit dem üblichen Mail-Quatsch los. Nachdem ich diverse Einladungen zum Geschlechtsverkehr mit mir fremden Damen und Herren wie automatisch in den Müll verbannt habe und mich wundere, dass ich mich nicht mal mehr über diese vor Stumpfsinn schreienden billigen Tricks wundere und ich mich weiter wundere, dass die Typen von den Mail-Providern wirklich nicht merken, dass das f-Wort da ziemlich häufig auftaucht, höre ich auf, mich zu wundern und beginne mein Tagwerk.

Visual Studio ist schon oben, denn man weiß ja nie, ob man nicht in der nächsten halben Stunde auf stackoverflow eine Frage beantworten und Punkte einheimsen will und da kann einem IntelliSense so einige Peinlichkeiten ersparen. Aber programmieren ist nicht! Nein erstmal die erste RDP aufmachen und die eigenen Server beim Hoster ansehen. Da laufen Sie und schon geht mein Tanz zwischen den verschiedenen Systemwelten los! Da sind plötzlich wirklich 3 RDP-Sessions offen und ich bin selbst auf meinen 3 24-Zöllern hoffnungslos verloren. Dass das blöde RDP-Programm auch alle Fensterchen immer am letzten geöffneten aufmacht, trägt nicht gerade zur Übersicht bei.

Das Lustigste aber ist, dass ich gar nicht merke, wie ich damit tatsächlich versuche klar zu kommen! Nur manchmal muss ich meine ganzen schönen RDPs irgendwie mal abmelden, weil ich merke, dass ich nicht mehr weiß, in welches Eventlog auf welcher Maschine ich überhaupt gerade reinglotze, um rauszufinden, warum mein lokaler IIS nicht mehr mit mir spielt.

Nachdem erstmalig die Erkenntnis gewachsen war, dass mich meine Toolwelt irgendwie zu überfordern beginnt, meinte ich noch, mit rational hergeleiteten Plänen meinem Missstand ein Ende setzen zu können. Plan #1: Ich lasse meine Designer-Kumpel coole Desktop-Hintergründe entwerfen und weiß dann wenigstens immer, auf welcher Maschine ich bin. Plan ausgeführt, bringt aber nix, weil der Desktop ja immer durch Fenster verdeckt ist. Somit kann ich jetzt beim Starten meines RDP zwar angeben, was ich nicht für eine coole Infrastruktur habe (mit Desktop-Hintergrund und so) aber wirklich bringen tut’s nix.

Plan #2: Ich programmiere mir irgendeine Lösung, die das ansehnlicher kann, als Remote Desktop. Sofort verworfen, weil da gefühlte 20 Projektideen bereits auf ein Zeitfenster warten.

Plan #3: Reiß Dich zusammen! Andere machen das auch, also hab‘ Dich nicht so und sieh‘ gefälligst am oberen Rand nach dem RDP-Namen.

So wirds gemacht, dachte ich mir und wurde doch wieder enttäuscht. Nicht lange und ich hatte eine witzige Idee im Kopf. Ein Kunde hat da so einen lustigen VPN-Client und ich hatte irgendwie die Nase voll vom Rechtsklick auf mein Netzwerk-Symbol. Da kam mir eine Idee: Ich nahm mir einen meiner Windows-Server und aktivierte die Hyper-V-Rolle (Zwischenwelt-Ebene 2 war geschaffen). Jetzt installierte ich dort die besagte lustige VPN-Einwahl. Sobald die stand, startete ich auf der Hyper-V-Maschine wiederum einen RDP-Client zum Kundenserver (Zwischenwelt-Ebene 3).

Wer jetzt, denkt, dass ich vor lauter Welten das Zählen verlernt habe: Ich muss mich ja bereits per RDP mit dem Hyper-v-Rechner verbinden und das ist nun Zwischenwelt-Ebene 1.

Nicht jeder Leser wird mir bis hierher folgen können. Wer es aber geschafft hat, der kennt sicher die abstrusen Begebenheiten, die einem nach solchen Sessions widerfahren können. Meine Erfahrung sagt mir inzwischen, dass ich dann keinen allzu alltäglichen und damit analogen Beschäftigungen, wie Brötchen kaufen, mit Menschen reden oder aus dem Fenster gucken beginnen sollte. Die normale Welt ist einfach nicht so gebaut, es sein denn, man hat ähnliche psychische Probleme wie Gollum.

Ich habe bemerkt, dass mir mein normaler Windows-Desktop nach solchen Sessions schon fast verwaist vorkommt und ich kurz davor bin, einfach mal eine RDP zu starten, um mich nicht so allein zu fühlen.

Und man muss ja dazu sagen, dass eine RDP-Session nicht einfach so läuft. Meist schließt sich vorher eine ausgiebige Runde ipconfig in der Commandshell oder eine witzige Ping-Orgie in selbigem Muff-Fenster an. Schnell sieht mein Desktop so aus, wie ich ihn gern hätte, wenn irgendein Ahnungsloser mal zufällig reinkommt, damit man dem Voll-Noob wenigstens mal zeigen könnte, wie wenig er wirklich über Computer weiß. Ich stelle mir das immer total toll vor. Am liebsten hätte ich in einem solchen Moment einen Desktop-Mix aus 3 RDPs, einem Visual Studio im Build-Mode mit geöffnetem Output-Fenster und vielleicht ein Putty mit laufendem top. Dann könnte man vielleicht noch sinnloserweise seinen eigenen Taskmanager der lustigen Liniendiagramme wegen und gleich noch einen in der RDP der zusätzlichen Verwirrung des Noobs wegen aufmachen. Das wäre was. Aber man ist bei solchen coolen Aktionen immer allein! Der Noob wird 2 Minuten danach kommen und gerade rechtzeitig zum Splash-Screen von Counterstrike eintreffen.

Aber was will ich eigentlich damit sagen? Ich will nur mal anmerken, dass wir ITler anscheinend permanent danach schreien, bitte überlastet zu werden. Ich weiß nicht, warum, aber auch ich habe das Gefühl, dass mir das alles ungemein Zeit spart. Natürlich muss ich nicht mehr zum Kunden fahren, um dies oder das zu erledigen. Aber ist das auch gut für mich? Das Ergebnis ist nun, dass ich an einem Tag so viele Kunden verarzten kann, wie früher in einer Woche. Das Problem daran ist, dass die das auch merken und irgendwann daran gewöhnt sind. Nur, wo soll das eigentlich hinführen?

Witzigerweise kommt genau in diese Überlegungen ein immer-frohes Mega-Unternehmen aus Redmond des Weges und tönt daher, dass mit dem nun in Version 8 erschienenen Betriebssystem Windows alles wieder serieller zugehen soll. Keine überlappenden Fenster im Metro mehr, maximal 2 Fenster gleichzeitig zu sehen. Alles wird gut.

Nach einigem Schmunzeln ob der gewagten Theorie, dass ein wegen der Fenstervielfal „Windows“ genanntes OS nun nicht mehr so viele Fenster zeigen sollte denke ich so über das gehörte nach und erkenne, dass Microsoft mich nicht als Zielperson für seine neuen Ambitionen gemeint haben kann. Das soll nicht heißen, dass Programmierer per se außen vor wären. Dieses Text schreibe ich gerade auf besagtem neuen Wunderkind, wenn auch im alten Windows-Modus mit Desktop und so. Der Punkt ist, dass ich ein Dinosaurier werde. Die neue Generation auch der Programmierer braucht gar keine Multimonitor und -Tasking-Lösungen. Viele, die ich so bei ihrer Arbeit beobachten kann, haben einen Dreamweaver und den Facebook-Developer-Account offen und programmieren damit wirklich gewinnbringendes Zeug.

Auch die Leute, denen ich bei Channel 9 zusehen darf haben inzwischen eher einen 30-Zoll-Boliden, als 2 oder 3 kleinere am Start und schämen sich nicht mal mehr für die Schriftarteinstellung 125%! Das war vor ein paar Jahren Grund genug, einen aus der Gemeinschaft der Wissenden auszuschließen!!! Nein, die Leute arrangieren sich und passen sich an und das ist es wohl, was mich wirklich stört!

Ich will die Zwischenwelten nämlich haben, weil ich nach jeder dieser Abstiege verwundert bin, wenn ich wirklich was bewirkt und ein lahmendes Kundensystem zum Laufen bekommen habe. Ich merke, dass es ein guter Tag war, wenn mir mein Nacken vom vielen Hin-und-Her-Drehen des Kopfes über meine 3 Monitore weh tut. Ich will die Konsole so lange mit Commands füttern, bis ich weiß, dass Port 3381 nicht offen ist. Und ich will Stolz darauf sein, dass ich die Liste der letzten 20 RDPs allein aufgrund der IP-Adressen auswendig kenne.

Wenn ich dann noch den richtigen User mit dem passenden aktuellen Kennwort für den Login in meinem KeePass finde, ist alles cool!

Eigentlich will ich nur an alle sagen, die ab und zu mit dem Kopf genickt haben, als sie das hier gelesen haben: Ihr seid nicht allein! 3381 forever!

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