codingfreak@Autobahn

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Dieses weithin bekannte Sprüchlein trifft vor allem auf Reisende zu, die sich entschließen, auf einer deutschen Autobahn von A nach B zu gelangen. Ich bin gerade mit so einer Fahrt fertig geworden und möchte hier das Erlebte aus der wie immer subjektiv getrübten Sicht eines (coding)Freaks schildern.

In bestimmten Berufsgruppen gehört es einfach dazu, einen erheblichen Teil der Zeit den Aggregatzustand des Reisens anzunehmen. Das ist wirklich ernst gemeint, weil ich festgestellt habe, dass ich auf Reisen ein anderer bin, als sonst. Ganz besonders trifft dies auf Reisen mit dem Auto zu, die ich allen anderen Formen des Ortswechsels vorziehe. Das will ich erst einmal erklären, zumal man heutzutage schnell in eine aus öko-politischer Sicht nicht ganz einwandfreie Ecke gestellt wird.

Ich könnte, rein theoretisch, auch alternative Formen des Reisens wählen, weil wir ja in einem fortschrittlichen Zeitalter leben dürfen. Da wären vornehmlich zu nennen: das Fliegen und das Zugfahren. Ersteres scheidet aufgrund mehrer Mängel für mich aus.

Mangel A ist die einfache Tatsache, dass ich in einer Region des Landes wohne, die sich frühzeitig und andauernd dazu entschlossen hat, dem Hype des Flughafen-Errichtens aus dem Wege zu gehen. Mit Blick auf diverse unrühmliche Versuche in unserer Bundeshauptstadt muss man dies nicht einmal als Makel deklarieren. Wie dem auch sei: die Folge ist, dass der nächste nennenswerte Flughafen rund 150 km entfernt wäre. Ich hätte also zunächst die Aufgabe, per alternativem Transportmittel dorthin zu gelangen.

Ein weiterer Makel des Fliegens ist aus meiner Sicht, sind die obligatorischen Vor- und Nachtätigkeiten, die damit einhergehen. Das Einchecken z.B. ist spätestens seit der Zeit, als 2 Türme in New York einzubrechen gedachten eine Verrichtung geworden, die nur noch Masochisten als erträglich bezeichnen können. Ich werde mich hier nicht darüber auslassen, weil ich annehme, dass jeder ohnehin weiß, was ich meine. Dies aber nun auf mich zu nehmen, um dem Wahnsinn auf der Betonpiste zu entgehen, brächte mich vom Regen in die Traufe.

Zugfahren ist da schon einfacher, zumal meine Stadtväter schon vor einigen Dekaden beschlossen hatten, entsprechende Infrastrukturen zu schaffen. Nicht, dass die meinen Wunsch, die Bahn zu benutzen irgendwie verstärken würden. Beginnend mit maroden, stinkenden Bahnhofstunneln, seltsamen Öffnungszeiten der angeschlossenen Service-Stellen über noch seltsamere Bedienstete und Mitreisende erstreckt sich die Palette der auf mich abstoßend wirkenden Eigenschaften dieser Bahnhöfe recht weit.

Selbst nachdem ich die obligatorische Wartezeit auf dem betonierten Menschensammelplatz genannt Bahnsteig hinter mich gebracht habe, erwartet mich nur wieder Tristess und Ärger. Ich weiß nicht, welcher Mensch den Raum mit mir teilen wird und noch weniger, welche seltsam riechenden Nahrungsmittel er gedenkt, unter meinen Blicken zu vertilgen. Auch kann nicht antizipiert werden, ob es mir gelingen wird, im Bordrestaurant einen vernünftigen Kaffee zu erwerben und ob darüber hinaus Platz für mich da sein wird, ihn auch zu genießen. Andere Gedanken, wie: „Mache ich die Augen zu und wenn ja, wird dann meine Tasche mit den Kundenunterlagen beim Öffnen derselben immer noch da sein?“ können ausgeklammert werden, da sie mein persönliches Paranoia-Problem repräsentieren.

Kurzum. Ich halte es mit dem Reisen eher wie Atze Schröder: „Ist es weit oder kann ich mit dem Auto fahren?“. Sprich: Ich fahre fast immer mit dem Auto.

Nach dieser weitschweifenden Entschuldigungs-Tirade in Richtung Planetenretter nun also zum Autofahren selbst. Um die weiteren Ausführungen verständlicher zu halten, nutze ich eine Fahrt von meinem Heimatort Magdeburg in das Ludwigshafen, das am Rhein liegt. Das sind ca. 530 km Strecke, ich nehme mit die A14 (als Zubringer), die A2, A7 und A5 und einige kleinere Nebenstrecken. Das nur zur Kontext-Bildungs-Hilfe. Nun aber los.

Wie spät ist es gerade? 2:30 Uhr. Was ist los? Warum bin ich wach? Geräusch! Nervig! Ahhh: mein Wecker. So ungefähr gehen meine Gedanken, nachdem mich das iPhone mit seinem typischen Alarm-Signal mitten aus der REM-Phase in diese menschenverlassene Zeit katapultiert. Nachdem es mir endlich gelungen ist, mich und die Realität in Synchronität zu bringen, bereite ich mich vor. Das Auto ist wohlweislich bereits vollgetankt, also schnappe ich Notebook, Beamer und Reisetasche, packe alles in den Kofferraum (nicht ohne im Treppenhaus mehrfach mit der auf den Rücken geschnallten Tasche ans Geländer zu krachen) und sitze endlich.

Erstmal Motor (ja, im Stand!) und Sitzheizung an, dann Navi einschalten und los in Richtung erster Autobahn. Es macht Spaß, denn es ist keiner weiter auf den Zubringerstraßen. Warum auch um 2:50 Uhr? Das Navi zeigt keine TMC-Meldungen an, was ich als Untertreibung interpretiere, weil ich ja definitiv durch Frankfurt muss, aber dazu später. Jetzt erstmal auf die A14, die mich zur A2 bringen wird. Hier ist noch alles in Butter. Ein, zwei LKWs und ein paar eilig dahinrasende Passat (wahrscheinlich Außendienstler), die sich einen Dreck um ihren Motor scheren und quasi nur das binäre Gaspedal kennen (voll durch oder loslassen). Egal, ich bin gechillt und hab‘ den Tempomat auf 160  eingestellt. Alles cool.

Bis zu dem ersten glorreichen Moment in einer noch kommenden Kette. Eine Auffahrt, ein Astra, kein Blinken und ein direkter Doppelspurwechsel direkt vor mich hin. Letzterer kann zu diesem Zeitpunkt entweder auf einen epileptischen Anfall des Fahrers oder böswilliges Verhalten zurück geführt werden, denn die rechte Spur ist vollkommen frei! Die Folge aber ist, dass ich mich diesem ignoranten Mitmenschem mit bedrohlicher Geschwindigkeit nähere. Nicht, dass ich jetzt sofort bremsen würde, denn ich denke mir, dass er die Lage als ebenso bedrohlich wahrnehmen müsste, wenn er mich so schnell kommen sieht. Das ist eine Fehlannahme beruhend auf der falschen Vorbedingung, dass diese Wesen in der Lage oder Willens wären, Spiegel zu nutzen und dann auch noch die daraus gewonnenen Informationen richtig zu analysieren. Ich glaube, diese Leute sehen in den Spiegel und denken: „Och guck mal, Licht.“ und belassen es dabei. Dass die beiden Punkte schnell auseinander treiben, bekommt hier eine sehr niedrige Thread-Priorität und wird einfach ignoriert.

Ich nähere mich soweit, dass ich erkennen kann, dass die Hauptuntersuchung fällig ist und überlege, was man nun eigentlich machen darf, laut STVO meine ich. Also: Soll ich links blinken oder Lichthupe machen? Irgendwas war mit Blinken und Nötigung. Ich glaube, ich darf kurz reinleuchten (Bi-Xenon vs. Astra :-)), aber nicht mehrfach lichthupen (ich habe schon wieder ein Verb erfunden). Rechts vorbei kommt nicht in Frage, weil ich sowas selber hasse und weil ich dumm dastehe, wenn der Linksspur-Diktator vor mir plötzlich einen weiteren, diesmal aber rechtsdrallischen, Anfall bekäme.

Also das Xenon-Spaktakel. Nun ist die Wirkung des einmal Aufleuchtens eine Frage von Distanz, Dauer des Leuchtens und Kraft der Birnen. Letzteres ist ja bereits gegeben. Die beiden ersten Punkte optimiere ich mit einem inzwischen um 20% gesteigerten Puls entsprechend. Es ist erstaunlich, was 20 Sekunden Intensiv-Xenon-Bestrahlung aus 4-5 Metern für einen disziplinarischen Effekt zeitigen können und so bin ich vorbei.

Kaum, dass das vollbracht ist, heißt es jedoch fröhlich die Bremsscheiben anfräsen, weil vor mir gelbe Lichtlein hinter einer Kurze blitzen. Nicht eins oder zwei, nein. Scheinbar hunderte Rundumleuchten lassen das Entstehen, was ich die Transport-Disco nenne. Richtig geraten: Ein Schwertransport mit Bauteilen für Windkraftanlagen. Die müssen gehen, wie warme Semmeln, weil ich auf der ganzen Fahrt nur noch solche Boliden erblicken werde. Vor ein paar Jahren gab es noch reißerische Fernseh-Reportagen, wenn sowas stattfand. Jetzt braucht man nur noch nachts auf einer Autobahn fahren und erlebt, dass der Begleiter nun einfach die linke Spur mit dichtmacht und man erstmal schön mit 80 hinter dem Monster hertrottet. Meister Astra schließt natürlich inzwischen auf und versucht, zurück zu lichthupen. Seine Hallogen-Kerzenersatz-Vorrichtungen dringen aber durch meine Kombination aus Heckrollo und Abblendspiegel nicht gleich zu mir durch. Puls geht langsam runter.

Nach 15 quälenden Minuten kann ich endlich rechts auf die Auffahrt zur A2 und somit raus aus der Transport-Disco. Der Astra ist dahinter weiter gefangen und ich beginne, an Gerechtigkeit zu glauben. Also rauf auf die A2. Das erste elektronische Hinweisschild sagt „Feuer frei, mach, so schnell Du willst.“. Gesagt, getan. Ich setze den Tempomat bei 180 und cruise an bemitleidenswerten polnischen Rostkutschen vorbei Richtung Hannover. Mitten in einer Kurve darf ich dann Spontan-Zeuge einer Art Sadistenversammlung werden. Zunächst ist da ein 40-Tonner auf der rechten Spur. Er muss bis vor kurzem noch langsamer, als sein Kollege auf der mittleren gewesen sein, denn dieser ist direkt neben ihm. Entweder hat letzterer ersten geärgert oder die beiden bequatschen vielleicht gerade irgendwas wichtiges durch ihre Seitenscheiben. Jedenfalls sieht das nach einem extrem sauberen Formationsflug aus.

Wäre aber nicht so tragisch, denn da ist ja noch die linke Spur. Die ist allerdings gerade auch nicht so richtig frei, weil ein vollbeladener Sprinter von Firma Fenster-Meyer meint, er müsse sich jetzt dran vorbei machen. Wieder ist meine v-Diff extrem hoch und es geht in den Anker. Lichthupen bringt hier nix, weil, wo soll der Typ auch groß hin? Ich bin auf 105 km/h und brauche 2 Minuten, um aus dem Drama rauszukommen. Danach wieder hochbeschleunigen und diese Übung dann bis in alle Ewigkeiten im Rhythmus von 10 Minuten durchspielen. Das gute daran ist nur, dass die ständigen defibrilator-artigen Adrenalinstöße jedwede Müdigkeits-Anfälle zuverlässig verhindern. Man sitzt da, wie eine Eule und das minutenlang.

Die Fahrt bis zum Großraum Frankfurt ist gespickt mit Baustellen langer und kurzer Sorte, sinnlosen Schildfolgen, wie „12o“ und 400 Meter weiter „Unbegrenzt“ usw. Ich lasse Göttingen hinter mir, begebe mich in die Kasseler Berge, werde dort Zeuge von Wahnsinnigen, die offensichtlich Superspezielreifen haben, da sie ohne zu zögern mit 210 durch Kurven fahren, die selbst mit meinem Sportfahrwerk bei 180 veranlassen, dass vorsorglich mein Lebensfilm vor mir abläuft. Ich sehe LKW, die mit 40 km/h versuchen, andere mit 39 fahrende bergauf zu überholen und denke lieber nicht daran, dass man sich denen mit 160 Sachen nähert und viele andere Gedankenstimulanzien mehr.

Nach all dem Fahren und erlebendem Staunen wird es aber irgendwann Zeit, mal anderweitigen Bedürfnissen nachzugehen. Mein zu Hause gekochter Kaffee im Thermobecher ist leer, die bereits besorgten Bifis liegen noch im Kofferraum und der getrunkene Kaffee verlangt nach Auslass. Zum Glück bin ich bereits im gut mit Raststätten versorgten Westen Deutschlands und kann auf baldige Rastplatzankündigung hoffen. Da ist sie auch schon. „Rimberg in 5 km“, denke ich. Warte mal! War das nicht diese hässlich verwinkelte Angelegenheit mit dem ungemütlichen und unfreundlich besetzten Rasthaus? Ja, genau. Lieber nicht.

Also gehts weiter und bei „Reinhardshain“ schlägt erstmal kein Alarm an und ich fahre ab. Sofort erkenne ich eine Nicht-Autofahrern oft nicht bekannte Problemlage. Seit ca. 5-6 Jahren scheinen entweder unsere Raststätten geschrumpft oder mehr LKW zugelassen worden zu sein. Jedenfalls begrüßt einen schon auf der Abfahrt stehend das fröhlich relfektierende Heck einees Schwerlasters. Hupen bringt hier nix, weiß der Routinier, denn der Fahrzeugführer befindet sich „in somnia“. Er hat sich halt hier hingestellt, weil der komplette Rastplatz bereits voll war.

Das hat ihm vermutlich der Kollege per Funk mitgeteilt, der als letzter noch auffuhr und deswegen beschloss, auch die letzten 12 freien PKW-Stellplätzen zu belegen. Vermutlich, um zu beweisen, dass seiner 20 Meter lang ist, wie der zweideutige Aufkleber auf seinem Heck behauptet. Doch wohin stelle ich mich nun, um meine mir vom 7. Sinn empfohlene regelmäßige Pause zu machen? Ins Parkverbot? Nebenbei bemerkt ein lustiges Schild auf einem Rastplatz! Auf die Straße? Keine gute Idee, bedenkt man das zukünftige mitleidige Gesicht meines Versicherungs-Maklers. Behinderten-Parkplatz?

Es bleibt nichts weiter übrig, als Letzteres zu tun. Während ich noch überlege, wie es sein kann, dass die Polizei innerorts gleich zur Stelle ist, wenn man in einer toten Seitenstraße zweiter Reihe hält, auf den Raststätten aber quasi Faustrecht gilt, erwacht der mit den 20 Metern gesegnete offenbar zum Leben. Ich sehe erst Licht in seiner Kabine an- und dann die Vorhänge aufgehen. Ich sitze noch im Wagen und plane meine nächsten Schritte. Ich beobachte, wie er aussteigt. Er trägt bei sich: Ein Handtuch, eine Waschtasche und Badelatschen. Cool, denke ich. Raststätten mit Wellness-Oase. Habe ich ja noch nie gesehen!

Also raus, Geld geschnappt, 70 c in abgezählten Münzen, weil vor meiner Blasenkur noch der Sanifair-Checkin warten wird und auf gehts. Aus der relativen Dunkelheit des Rastplatzes schleudert es mich in einen von charmanten Krankenhaus-Neonlichtern durchfluteten Raum. Es ist kein Mensch zu sehen. Vor mir der obligatorische Segafredo-Schalter. Er soll wahrscheinlich italienisch-romantische Urlaubslaune wecken, doch bei mir zieht das nicht. Ich kenne italienische Raststätten und möchte diese Abfertigungshallen lieber nicht aus meinem Gedächtnis hervorgeholt wissen. Ab nach links zum freundlichen Sanifair-Logo. Meine 70 c rein, durch die immer klemmende Schranke durch und den Bon für 50 c entgegen genommen. Ich überlege noch gedankenverloren, ob ich bei einer Firma arbeiten wollen würde, die für das Bereitstellen von Toiletten 20 c nimmt und erblicke plötzlich 20-Meter-Woitila schnaufend und prustend über einem der Waschbecken im Eingangsbereich.

Aus unverständlichen Gründen steht er tatsächlich in Badelatschen da und wirft sich mit Wonne das alle 10 sekunden ausbleibende Sanifair-Wasser unter die Achselhöhlen. Der Duchdas-Geruch macht mir klar, dass er sich an selbiger Stelle wohl gerade eingeseift hatte und ja – der aufmerksame Leser wirds vermutet haben – Woitala steht ohne Torso-Bekleidung vor mir. Ein nicht gerade erheiternder Anblick, den dieser Körper bietet. Trucker haben in der Regel eine ausgeprägte Gesäß- und dafür eine zum Erdmittelpunkt strebende Resterscheinung. Die obligatische Massivbehaarung machts nicht besser.

Schnell husche ich während einer Befeuchtungspause durch und erleichtere mich. Das, nicht ohne wiederholtermaßen über fehlende Ablage-Flächen für mein Portemonais zu fluchen. Meine Jacke habe ich im Auto gelassen. Ich bewundere die Prostagut-Werbung vor mir und hoffe, niemals deren Produkte in Anspruch nehmen zu müssen (was nicht im Sinne des Marketing-Chefs gewesen sein dürfte) und stelle mich neben Woitala zum Händewaschen an. Dieser ist gerade dabei, sich ungeniert und dafür laut summend vom ungewollt kühlenden Nass zu befreien. Ich bin nach 30 Sekunden fertig (mit Abtrocknen) und wundere mich darüber, dass ich fast ein wenig beschämt bin, weil ich Woitilas Bad benutzt habe. Und das mit Straßenschuhen!

Im Schankraum wird’s nicht wirklich besser. Eine blasse, übernächtigte und dafür untermotivierte Angestellte macht mir einen Kaffee zum mitnehmen, der den verdammten Namen nicht verdient. Irgendeine Vorrichtung hat scheinbar mit Hochdruck Wasser durch irgendein Pulver gedrückt. Aus lauter Scham haben sie dem ganzen Teil eine Cremehaube verpasst, damit man die Plurre nicht gleich am Schalter sieht und artig seine 2,60 € für die Ausgeburt der Getränkehölle zaht. Lieber nicht daran denken, was das im Einkauf kostet und lieber staunend zusehen, wie das sprechfaule Nacht-Fräulein die elektronische Kasse malträtiert. Ich zähle mit und überlege, welcher UI-Faschist es fertig bringt, das Abkassieren eines Bechers Kaffee auf 9 Tastendrücke zu optimieren! Da ist Schulungsbedarf, ohne Zweifel.

Nachdem ich diverse gähnend vorgetragene hilflose Versuche des Cross-Sellings („Wollen Sie einen Doughnut dazu?“ usw.) verneinend hinter mich gebracht habe, gehe ich zum Auto. Reingesetzt, Rückenlehne auf flach bis der E-Motor quäkt und in die seitenhalt gewährenden harten Backen meines Mobiliars gekuschelt (ich hätte die Komfortsitze nehmen sollen, das klang aber irgendwie so ähnlich wie Rückenschule in meinen Ohren). Während ich versuche,  dem ersten Teilwort in „Rastplatz“ durch ein Speed-Napping Ehre zu verabreichen, merke ich durch meine bereits geschlossenen Augen hindurch, dass irgendwas mich stört. Woitila kanns diesmal nicht sein, denn der ist noch drin.

Jetzt weiß ich es: Aus 30 Metern höhe strahlen Mega-Leistungs-Leuchten auf mein KFZ hernieder. Ich sehe mich wieder aufwachend um und prüfe, ob es irgendwo ein schattigeres Plätzchen gegeben hätte, wäre nicht die komplette osteuropäische Transportkapazität hier versammelt. Nein! Wieder so ein Hammer. Die bauen einen Rastplatz und beleuchten ihn dann wie das Vorfeld eines Grußflughafens. Da werfen sogar Schneeflocken beachtliche Schlaggschatten aufs Pflaster! An Napping ist selbst bei Highspeed nicht mehr zu denken und ich mache mich auf in Richtung Frankfurt.

Das ist auch so eine Sache. Frankfurter sind offensichtlich vor allem von Einem überzeugt: ihrer eigene Unfehlbarkeit. Die Jungs haben 4 Spuren da unten und trotzdem muss der blöde A6 (irgendeine teuere Ausstattung) auf jeden Fall vor mir fahren. Er führt eine Art Verkehrserziehung mit mir durch. Vor ihm sind die Rücklichter kaum noch auszumachen. Ich nähere mich also vorschriftsmäßig auf halber Tacho: Mein Tacho z.B. ist ungefähr 14 cm im Durchmesser, das macht 7 und großzügig, wie ich bin, interpretiere ich das in Metern! Guter Leitsatz, wie ich finde.

Der eben noch ruhig dahingleitende Beweis ingolstädter Autobaukunst beschleunigt nun in einer Respekt gebietenden Rate von mir weg. Er sagt mir damit (also der Fahrer), dass er könnte, wenn er wollte und dass ich bloß nicht das mit ihm versuchen soll, was er mit mir definitiv tun würde, wäre er hinter mir: ihn rechts überholen. Ich habe schon 350 idiotenverseuchte Kilometer hinter mir und lasse ihn gewähren, nur um ihm zuzusehen, wie er eine Abfahrt später 3 Leute schneidet, um sie im letzten Augenblick noch zu schaffen. Auch das ist eine Aussage: Ich stelle mich nicht hinten in der Schlange an! Vollpfosten!

Die schöne Frankfurter Skyline kann ich kaum betrachten, weil alle immer bremsen und anfahren und am Flughafen-Kreuz kann man studieren, wie Menschen auf große Objekte am Himmel reagieren: panisch und unvorhersehbar. Wenigstens wird’s jetzt langsam hell.

Frankfurt ist hinter mir und seit der letzten Ausfahrt hängt da ein Golf hinter mir und macht Druck, wie einer, der seine schwangere Freundin zu Entbindung bringt. Er sitzt aber allein drin und während ich noch denke: „Mensch Junge! Vor mir ist doch auch alles voll!“, schert er aus, wie Verfolgungsfahrer bei der DTM, wenn sie aus dem Windschatten kommen. Er verliert fast die Kontrolle und ich sehe periphär, dass er versucht, auf gleicher Höhe mit mir zu bleiben. Das nun kann nur bedeuten, dass er mir eine visuelle Mitteilung geben möchte.

In dieser Situation ist absolute mentale Stärke gefordert. Ich weiß, dass wenn ich nach rechts gucke, mich irgendetwas erwarten wird, was mich wünschen lässt, es wären keine 2 Autos und 140 km/h zwischen ihm und mir. Nun muss man sich fassen und einen Plan durchziehen. Das, was ich jetzt tun werde, habe ich von weiland Heinz Sielmann, dem Tielfilmer gelernt. Immer, wenn es zu einer Situation kam, die u.U. seine Emotionen sichtbar hätte werden lassen, hat Heinz einen sehr distanzierten extrem objektiven Blick drauf gehabt. Wenn also das Gnu gerade im Todeskampf war, hat Heinz so geguckt, damit wir alle verstehen, dass Heinz da nichts machen kann, weil man der Natur ihren Lauf lassen muss. Das adaptiere ich nun auf den Meister rechts.

Ich sehe genau so rüber, wie Heinz zum Gnu. Mein Blick sagt: „Schlimm, das mit Dir. Aber unausweichlich. Ich gucke nur zu, weißt Du? Fertig werden muss Du ganz allein damit!“. Genau das transportiere ich ihm mit 300.000 km/s rüber in seine Wolfsburger Kabine und es wirkt. Er schaut verdutzt. Erst denkt er vielleicht, er kennt mich irgendwo her. Dann wird ihm die Message klar und er erkennt seine Niederlage durch wegblicken und Gas geben an.“. Ich bin’s zufrieden.

So, oder so ähnlich geht es immer weiter und so passiert es eigentlich jedes Mal. Betrachtet man sich selbst während dieser Reisen, ist man oft erstaunt von der äußeren Ruhe, mit der man diese ganzen Gegebenheiten erträgt. Ein kurzes Ziehen am Lichthupen-Hebel ist eigentlich schon die heftigste Emotionsbekundung überhaupt. Ansonsten nichts. Ich erkenne, dass es halt ein Aggregatzustand ist, in dem ich mich befinde. Würden mir ähnliche Erlebnisse außerhalb des Wagens wiederfahren, würde ich vielleicht schimpfen und Schlimmeres tun. Hier aber ist Ruhe!

Ich habe auch festgestellt, dass IT-Typen überhaupt recht ruhig bleiben im Straßenverkehr und daraus eine Theorie abgeleitet. Manager rasten aus und schimpfen, Finanzamts-Angestellt schütteln mit dem Kopf, Schrebergarten-Nachbarn-Verkläger zeigen einen Vogel (der alte Mittelfinger), Ärzte gucken einen mit diesem „Dich würde ich verbluten lassen!“-Blick an und Lehrer sehen rüber und reden ruhig und belehrend auf ihre Seitenscheibe ein. Das tun diese Leute aus beruflicher Gewohnheit.

Ein ITler jedoch ist trainiert an Systemen, die nicht tun, was von ihnen verlangt wird. Er hat gelernt, den Systemausfall als Lösungsaufgabe zu analysieren und er ist geübt darin, diese Lösungen in Nächten der Einsamkeit mit sich selbst zu finden. Er braucht nicht schimpfen, denn das 19-“-Rack wird keine Betroffenheit erfahren oder durch Reue beim nächsten Mal gleich alle Blades richtig hochfahren. Mit anderen Worten: Ich glaube weder Frauen, noch Männer, nein ITler sind die besseren Autofahrer. Angesichts der heutigen Elektronik in den Fahrzeugen wird dies noch unterstrichen. Nur ein ITler kann seine Entertainment-Systeme wirklich sicher handhaben und das, ohne seine Aufmerksamkeit von seiner Umgebung zu lenken. Nur er kann das iPhone ohne hinzugucken in die Ladeschale bugsieren. Nur er findet auf Anhieb die Taste, um dem Verkehrsfunk den Garaus zu machen, wenn er den Lieblingstrack stört.

Also, liebe Nicht-ITler: Wenn ihr einen Menschen hinter Euch habt, der auf 2 Meter ran kommt und das bei 186 km/h, Euch dann überholt und ihr dann hinten einen weißen, unangebissenen Apfel mit dem Text „I fixed it!“ oder einen Aufkleber mit „Ich bin root, ich darf das!“ seht, dann lasst ihn ziehen, denn die Macht ist stark in ihm.

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