Bergab

Den Hang hinunter geht es sich bekanntlich einfacher, als hinauf. Dass da unten allerdings ein Tal und damit vor allem Unübersichtlichkeit, Nebel und vor allem der Wunsch nach erneutem Aufstieg ansässig sind, merken nachdenkliche Menschen bereits beim Abstieg. So kommt es, dass man eigentlich lieber bergauf gehen wollen sollte. Sich freuend auf den nächsten – eigentlich wenig erstrebenswerten – Abstieg.

Dieses philosophisch anmutende Vorkeplänkel sollte nicht über die bittere Tatsache hinweg täuschen, dass es mit uns als IT derzeit bergab geht. Glaubt man den allgegenwärtigen Analysten, von denen ich im Übrigen im echten Leben noch keinen wirklich getroffen habe, so müssten wir vor lauter Jubel eigentlich schon halb tot sein. Da gibt es zunächst mal Big Data. Allein hier scheint es fast so, als könnte man nach einem beherzten Einkauf irgendeiner Hardware-Appliance plus einem energischen Umsatteln seiner SQL-Mannschaft auf Hadoop oder so die halbe Welt analytisch aus den Angeln heben. Und das alles im RAM sozusagen!

Ich habe freilich nicht die geringste Ahnung, wer das eigentlich will? Ein paar vage Vorstellungen gibts schon. Eine Crash-Simulation im RAM, ok! Das CERN arbeitet ne Stunde kürzer pro Tag, auch ok (obwohl ich bei den NatGeo-Reportagen nicht unbedingt das Gefühl vermittelt bekommen habe, dass es den Forschern da irgendwie um Produktivität geht). Ach ja, und dann noch die verehrten Kumpels von den Geheimdiensten, denn die brauchen mehr Performance auf jeden Fall. Ich glaube übrigens auch, dass die Typen die einzigen sind, die Big-Data-Analysen wirklich belegbar effizient einsetzen.

Damit wären also die TOP-50-Insitutionen dieser Welt zufrieden gestellt. IBM, Oracle, SAP und Microsoft können sich hier eine Vertriebs-Olympiade liefern und gut ist. Was aber soll ich damit? Meine Kunden scheinen mir im Bereich der Datenbank-Geschäfte so was wie Dinosaurier zu sein. Die setzen doch tatsächlich noch auf RDBMS-Cluster und stinknormale Festplatten. Da gibts erstmal die ein oder andere Datenbank und dann vor allem einen ehrfurchtseinflößenden Berg von Excel-Dateien. Komme ich da rein und rede so wirres Zeug, wie „Wir müssen mal zusehen, dass wir den Excel-Kram in Eure Datenbanken integrieren.“ oder „Lasst uns die Datenbank sauber normalisieren!“, ernte ich eher skeptische Blicke. Gedankenspielchen, wie z.B. „Wie müssten wir die Daten so umorganisieren, dass sie Map-Reduce-fähig werden?“ kommen mir irgendwie überhaupt nicht in den Sinn.

Weiter gehts im Analysten-Elysium! Die Cloud ist das Top-Thema neben Big Data überhaupt. Aha! Schön, aber für wen eigentlich und zu welchem Preis? Da gibts die lustigsten Fallbeispiele. Schwups holen die Meister ein Startup aus der Versenkung, dass gerade Millionen-User-Zahlen über Cloud-Anwendungen abfidelt. Mir wird nicht ganz klar, wie sie das innerhalb von angeblich 3 Monaten auf die Beine gestellt haben (bestimmt mit Scrum!), aber der Verdacht, dass der damit Werbende da irgendwie seine Hände im Spiel hat, will einfach nicht verschwinden.

Diese verbiesterte Grundhaltung weiter Teile der Industrie kann unsere Marktschreier aber nicht schrecken. Sie holen einfach sich selbst aus der Versenkung und zeigen uns, wie man mit Office-360 so richtig Wolkengeld macht. Dass dies bei einer Quasi-Monopolstellung jetzt nicht gerade das Purple Heart der IT-Branche bringt, geht irgendwie im Grundrauschen unter.

Nicht eine Veranstaltung, die man heute besucht, geht ohne dieses Getöse von großen Datenmengen in noch größeren Wolkenkonstellationen vorbei. Hier ist kein Platz mehr für die Themen, die mich im Alltag interessieren. Und die drängenden Hausaufgaben werden einfach nicht mehr gemacht. Beispiel Oracle: Da gehen Schecks mit soviel Nullen drauf weg, um damit Cloud-Spezialisten zu kaufen, dass die wahrscheinlich erst bei der nächsten Bilanz-Pressekonferenz merken, dass sie eine zuviel draufgemalt haben. Java-Neurelease? Machen wir dann nächstes Jahr. Bitte?!? Dass ein so systemkritisches Projekt, wie Java, dessen unterschiedliche Versionen dem Installer zufolge auf ca. 13-Quadrillionen Geräten (leichte Übertreibung meinerseits) läuft, einen geringeren Stellenwert als irgendeine obskure – meiner Meinung nach erfundene – Zukunftstechnologie hat, zeigt mir wieder, dass wir Menschen nichts lernen. Nie!

Die Big-Player dieser Branche pushen sich selbst in immer neue Höhen, nur um zu merken, dass die Luft langsam immer dünner wird. Guten Morgen! Wo bitte soll das eigentlich hinführen? Wir erzeugen inzwischen Daten, nur weil wir es können. Ich kenne Datenbanken, die nur so überquellen vor wertvollen Informationen. Das Problem: sie sind versteckt in so viel Datenmüll, dass die einzige Rettung in SSIS-Paketen besteht, die aber leider so lange laufen würden, dass es dann doch nicht geht. Tja, bleiben die Daten halt, wo sie sind!

Was soll denn bitte Big Data da bringen? Die Antwort höre ich aber auch schon! Natürlich nicht Big Data allein, sondern nur in Verbindung mit Cloud. Und so gesehen, macht das Ganze dann auch wirklich Sinn. Die Jungs erfinden eine Technologie, die für sich allein gar nicht umsetzbar ist. Dieses (eigentlich nicht vorhandene) Problem wird nun scheinbar durch die gleichen fiesen Typen mit einer Lösung behoben, die wir auch bloß nicht brauchen.

Das Schlimmste für mich ist allerdings, dass dieser ganze Müll inzwischen vermehrt zu verheerenden Konsequenzen im Bereich der Programmierung führt. Leute, die ein paar Klassen und einen DbContext tippen und dann voodoo-artig SQL-Server-Datenbanken aus dem Visual Studio heraus entstehen lassen, gelten inzwischen als visionär. Mich würde mal interessieren, wie viele C#-Entwickler unter 25 eigentlich noch wissen, was ein Spalten-Index ist und wie er eingerichtet wird! Wahrscheinlich aber gar nicht so wichtig, denn wenn man diese Zombie-Datenbank erstmal in Azure hostet, kann sich der Kunde bei Geschwindigkeitsproblemen ja einfach die ein oder andere Server-Instanz dazu klicken.

Gruselige Zeiten insgesamt. Ganze Zeitschriften lärmen mich voll mit den Code-First-Neuerungen von Entity Framework und nicht ein vernünftiger Artikel über die coolen neuen Management-Funktionen für echte Datenbanken dabei! Mein eigener Artikel und Webast über Node.js hat drei mal mehr Traffic erzeugt, als alle SQL-Server-Beiträge zusammen (ich schäme mich ein wenig dafür). Und das ganze wird so weiter gehen, bis es wieder mal richtig knallt. Irgendwann bricht hier oder dort mal ein Rechenzentrum zusammen und die Wolkendecke löst sich auf. Später dann merkt auch der letzte Analyst, dass einfach nicht mehr Daten entstehen auf einem einzelnen Planeten und auch hier eine Sättigungsgrenze eintritt. Irgendwann anders dann werden erste Blicke in Richtung Optimierung gehen. Und dann, so hoffe ich, werden die Tagespreise für Optimierungs-Spezialisten in die Höhe gehen. Ich bin dann wahrscheinlich schon weit jenseits des Rentenalters, aber den Honig nehme ich dann auch noch mit!

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