Cooler wär‘ besser!

Es ist mal wieder //build-Zeit. Für einen wie mich heißt das, den normalen Arbeitsprozess zu unterbrechen und mich der Wonne der endlosen Screencasts hinzugeben. Gestern gings los und ich habe es endlich mal geschafft, live bei der Keynote dabei zu sein. Die Eindrücke nach dieser und einigen weiteren Sessions möchte ich schon mal zum besten geben.

Um eins gleich vorweg zu nehmen: Mir blutet das Herz! Ich liebe die Microsoft-Produkte wirklich und ich finde die Jungs, die man im normalen Alltag bei Channel 9, in ihren Blogs usw. sehen kann wirklich cool. Da hat sich einiges getan in Redmond und es soll so bleiben. Meine Kreislaufmechanik leckt deshalb, weil derzeit irgendwas schief läuft im Hause Microsoft. Gehen wirs an.

Ich drappiere mein Notebook in der Küche und begebe mich auf Channel 9. Der Live-Feed meldet artig, dass ich mal wieder zu hastig war und ich gedulde mich, bis plötzlich die fröhliche „Es-geht-los“-Mucke trällert. Dauert nicht lang und ein gewisser Joe Belfiore taucht auf der Bühne auf. Mir passieren mehrere Dinge gleichzeitig. Zuallererst blubbert ein Reflex aus der Magengegend herauf, den ich zuerst nicht deuten kann. Dann fällt mir auf, dass ich am liebsten lachen möchte. Ich schätze den Mann auf Anfang 40, sehe aber ein Outfit wie das von 14-Jährigen (inkl. Haaren) vor mir. Ich will das jetzt nicht verurteilen, weil man ja nix auf Äußerlichkeiten legen soll. Aber das hier ist die build und da wird eigentlich nichts dem Zufall überlassen. Ergo muss die Erscheinung da einen Sinn haben. Der einzige, der mir einfällt, ist der, cool rüberzukommen, was ihm bei mir ungefähr so erfolgreich gelingt, wie der Firma Dacia bei Autos. 

Ich kämpfe den Reflex runter und versuche nun, mich zu entsinnen, was dieser Mann auf der build zu tun hat und warum ich den nicht kenne?!?! Da kommt auch schon die Einblendung am Bildrand und informiert mich, dass Joe Corporate Vice President der Phone-Sparte bei MS ist. Ein Blick in Wikipedia lässt nichts gutes hoffen, denn der Meister war vorher Führungskraft bei Zune. Das sieht finster aus, denke ich, nicht ahnend, wie finster es wirklich noch wird. Joe (wie auch seine nachfolgenden Kollegen) sind voll auf dem Hyperbel-Dampfer und schmeißen in feinstem Buzzword-Bingo mit Begriffen um sich. „Huge improvement“ ist so eine Floskel, die mich bei Keynotes immer vor Probleme stellt. Sobald ich das höre, schaltet irgendwas in meinem Kopf um und gibt mir auf, mich mit Wichtigem zu befassen. Nach 5 Minuten bin ich dann wieder zurück aus meinen Gedanken und habe das Gefühl, irgendwas verpasst zu haben. Eine andere üble Redewendung ist „We made it even better“ oder auch gern „We took it one step further.“. Das ist so ähnlich, wie bei Waschmittelwerbung. Vor 2 Monaten war das BlaBla Ultra Weiß noch dabei, meine Wäsche so rein zu machen, dass selbst die fiesesten Streptokokken Reißaus nehmen und nun ist BlaBla Mega Weiß am Start und kann es noch besser. Das ist so ähnlich, wie der Satz „Das Glas ist noch leerer als vorhin, als es schon restlos leer war!“. Genau: Marketing-Geschwätz.

Joe kann aber noch mehr. Eine seiner Begabungen ist es, Dinge aufzupumpen. Nehmen wir mein persönliches Highlight: Cortana. Für alle, die es nicht wissen: Cortana ist das MS-Pendent zu Siri auf dem iPhone. Optisch gesehen ist es ein Kreis mit was drumrum oder anders ausgedrückt: ein Halo. Jetzt aber der Hammer: Cortana ist außerdme ein Charakter aus der Spiele-Serie „Halo“ von Microsoft und damit ein echt Nerdiger und schlecht zu merkender (und zu sprechender) Name für ein Element, wie den neuen digitalen Assistenten. Joe hat die dramatische Kurve nicht ganz hinbekommen und laberte fröhlich über die gute Cortana während sein Telefon vielversprechend im „Sag-doch-was“-Modus hing. Nach 5 Minuten Laberei ging ihm dann auf, dass er das Teil ja mal benutzen könnte. Also los!

Cut!

Apple Keynote zur Präsentation von Siri im Oktober 2011 (vor 2,5 Jahren!!!!). Da kommt der Meister nach einer kurzen Ankündigung auf die Bühne, sagt etwas für 10 Sekunden („What is the weather like today?“) und lässt dabei das Phone lässig in Hüfthöhe baumeln. Kurz vorher gab es noch einen Hinweis auf den Beta-Status, aber Siri antwortet artig. Das alles geht in einer ruhigen und gelassenen Art über die Bühne.

Cut!

Joe steht da, im Jahr 2014, und hält sich das Telefon direkt vor den Mund und macht Kalendereinträge. Dazu hat er allerdings vorher 2 Tastendrücke auf dem Display benötigt, bevor Cortana klar war, dass er Lust auf Konversation hat. Er zeigt einige (zugegebenermaßen nützliche) Optionen, um Cortana im Falle eines Falles den Mund zu verbieten und hackt immer wieder darauf rum, dass sie wie ein echter persönlicher Assistent arbeitet.

Der Fehler liegt hier in meinen Augen ganz klar an 2 Stellen. Erstens handelt es sich bei der build um eine Konferenz zu Entwicklerthemen und dieser Keynote-Part geht komplett dran vorbei (dazu später mehr). Das wichtigere aber ist, dass ein eingefleischter Developer eigentlich gar nicht weiß, was Joe mit einer persönlichen Assistentin meint! Welcher Programmierer hat denn bitte eine Sekretärin rumsitzen und wie stellt sich Joe deren Rolle in einem agilen Scrum-Team vor? Im Ernst: er versucht tatsächlich, Technikexperten eine einfache Technologie mit etwas zu erklären, was diese ausgerechnet nicht kennen und schätzen.

Nach der ganzen Arie und offensichtlichen Vorklatscherei durch Microsofties, die in den Reihen verteilt wurden ist mir nicht ganz klar, worin sich Cortana eigentlich von Siri unterscheidet. Er sagt zwar, dass sie mit Bing verknüpft ist, teilt aber nichts über die Details und Möglichkeiten dazu mit. Nachdem er vorher eine Präsentation abgespielt hat, die zeigt, wie ein Menschenleben in 30 Sekunden durchläuft und der Verweis darauf der ist, dass das Telefon den Benutzer wirklich kennen soll, macht mir das mit Bing und Cortana eigentlich nur noch Angst. Wenn so ein Exploit sich stillschweigend durchs Netz wühlt und den Leuten ihre Adressbücher klaut, dann kann ich das noch verdauen. Wenn das ganze jetzt aber noch eine Stimme aus einem Ballerspiel bekommt, sehe ich die Häme in ihrer Stimme schon kommen.

Joe hatte noch mehr auf der Pfanne. Zum Beispiel zeigte er, dass man den Lock-Screen personalisieren kann und dass man Hintergrundbilder hinter die Tiles packen kann. Tosender Beifall von mikrofon-nah platzierten Gehaltsempfängern war die Folge. Wenn bei Apple 1000 Leute euphorisch durchdrehen, hört sich das natürlich anders an.

Nach dem zwangsvercoolten Joe kam noch David Treadwell, der schon eher was für die Entwickler war, leider aber irgendwie den Anschein erweckte, als wäre er vorher zu einem Seminar für Präsentationen geschickt worden. Das kam dann so authentisch rüber, wie ein nordkoreanischer Karnevalsumzug, war aber entsprannend im Hinblick auf die Themen. Gut Windows 8.1 Update ist halt genau das: ein Update aber man will ja nicht nur meckern. Cooles war über Universal Apps zu berichten und endlich kam auch mal Visual Studio ins Bild. Ein cooler Programmierer mit lauter Stimme und unflätigem Benehmen kam und zeigte, wie man aus einer alten Windows Forms-Anwendung schnell eine Win-8.1-App baute. Der Quellcode war gruselich und man sollte sich diesen Teil mal zusammen mit den Sessions der Jungs vom Web-Team ansehen (der Kontrast ist markerschütternd) aber authentisch war der jedenfalls.

Nach gut 2 Stunden kam dann die X-Box an die Reihe. Der Redner hier hatte den dankbaren Job, den Teilnehmern der build jeweils eine XBox one sowie eine 500$-Store-Gutschein anzubieten. Diesmal war der Applaus echt. Das blöde Gefühl, dass das aber auch notwendig war, damit die Leute ihre teuer gekauften build-Teilnahmen nicht in einen Tumult verwandeln haftet mir noch immer an. (Zumindest erfahren dann vielleicht alle, was Cortana eigentlich bedeutet.)

Jetzt erschien der Nokia-Chef mit einem schweigenden Schergen. Letzterer war nur der willenlose Klick-Toucher für Meister Elop. Der wiederum hatte die Taschen voller Nokia-Phones und hyperbelte in einem fort über dieses oder gar jenes Device. Alle natürlich nur mit Windows Phone 8.1 im Kopf gemacht usw. usf.

Zum Schluss kam dann noch Satya Nadella und warf mit großartigen Phrasen um sich. Seine Innovation war es, irgendwelche Leute eine Frage auf dem Bildschirm aufsagen zu lassen, die dann möglichst ausschweifend und ungenau beantwortet wurde.

Fazit nach 4 Stunden: Das war peinlich und unwürdig. Da gab es wirklich mal mehr zu berichten und die ersten Sessions, die ich mir dann heute angesehen habe, zeigen auch wirklich cooles Zeug aus Azure und Studio. Da war wieder soviel Futter für die Microsoft-Hasser und -Belächler dabei, dass Youtube demnächst wieder mal voll von Satiren sein wird. So ein ausflippender Ballmer ist wenigstens noch ein Alleinstellungsmerkmal gewesen. Das gestern war eine elenede Hinterherhechelei hinter der Konkurrenz und einfach eines Microsoft-Konzerns unwürdig. Meine Meinung.

Ich hoffe, das Theater bei der Keynote kam durch den erst kürzlich vollzogenen Wechsel an der Konzernspitze zustande. Wo Apple ruhig und selbstsicher präsentiert, wird bei Microsoft geplärrt und vorgeklatscht. Wo Apple Neues bringt, zeigt Microsoft die Ergebnisse seiner Aufholjagd und verkauft als Innovation Dual-SIMs, die vor allem in Asien gebraucht werden. Wo andere es verstehen, an das Herz der Leute zu appellieren, spricht Microsoft irgendwie immer den Kopf an. Ich hoffe, dass die Leute oben mal merken, dass andere bei Microsoft längst geschafft haben, was sie versuchen: Kultstatus zu erreichen. Scott Hanselman, Scott Guthrie, John Papa und Anders Heijlsberg. Das sind Typen, die einfach immer so sind, wie sie immer waren und bei denen nach 5 Tastendrücken Applaus aufbrandet! 

Microsoft macht nicht alles falsch. Scott Hanselman zeigte gestern einen Part, bei dem er in den Developer Tools des Chrome direkt Code ändert und diese Änderung per Browserlink direkt ins VS zurückwandert. Echter Jubel und Nervenkitzel bei mir! So muss das sein und dann sind wir auch bereit, hunderte Megabytes herunterzuladen, uns mit Nuget-Pakten tot zu schmeißen und stundenlang über den neuen heißen Scheiss zu bloggen! Die Keynote war eher zum abgewöhnen!

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